Rote Bullen und die Relativitätstheorie

Am Freitagmorgen las ich zum ersten Mal davon, dass es ganz vielen Wissenschaftlern in einem international koordinierten Projekt gelungen war, Gravitationswellen nachzuweisen. Ein riesiger Durchbruch in der Physik, wie es heisst. Einer der vielen kleinen Beweise, die untermauern, wie richtig und wichtig für das Weltenverständnis die Relativitätstheorie von Albert Einstein ist.

Mir ging während der ersten 20 Minuten des Spiels gegen Leipzig auf, dass auch dieses Spiel relativen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Die Verbindung zwischen Stadion, Rasen, uns Supportern, dem Ball und den Spielern auf dem Platz wurde mir bewusst. Vielleicht reichte das schon, um mich bereits vor dem Hells Bells zu beruhigen. Als Angus Young seine Interpretation der Stringtheorie in den kühlen winterlichen Stadionhimmel spielte, kam mir der Gedanke, der mich das ganze Spiel nicht loslassen sollte: Was, wenn am Millerntor Gravitationswellen unterwegs sind?

Unsere Boys in Brown begannen wie die Feuerwehr, suchten das schnelle Tor und fanden es auch. Nach der achten Spielminute wechselte das Spiel seine Vorzeichen: Aus einem offensiv ausgerichteten Schwarm wurde ein aus Menschen gewobener Wellenbrecher. Der ja bekanntlich auch aus Wellen besteht.

Welcome to the Hell of Sankt Pauli

In unserem Tor musste es eine gravimetrische Verzerrung geben, die den Ball davon abhielt, ins Tor zu fliegen. Das als Himmelmann-Konstante sichtbar gewordene Interferenzmuster zog alles an, was auf den Kasten St. Paulis kam. Was nicht zu halten wäre, wurde abgelenkt. Das war erstaunlich beruhigend, hatte man dieses Phänomen einmal erkannt. Wurde sogar lustig anzusehen, wie die Leipziger ihre holografischen Entwürfe von modernem Fußball immer wieder gen Strafraum trieben. Blind gegenüber dem besonderen Bewusstsein, dass sich am Millerntor immer wieder manifestieren kann, sind sie dann geradezu verzweifelt.

Irgendwann, als ich wieder lachend einen Angriff der roten Bullen betrachtete, dreht sich M. zu mir um und sagt: „Du glaubst den Scheiss wirklich,oder?“ und drehte seinen Blick auf das Spielfeld. „Nunja, wenn es hilft“ :)

 

Erik Hauth

Als waschechter St. Paulianer verpasst der passionierte Segler selten Heimspiele und fährt oft auswärts mit. Als Kolumnist schreibt Erik Hauth für Die ZEIT online über den FC St. Pauli.Twitter: @stpauli

 

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