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Auf Sankt Pauli regeln wir das unter uns? Kassenrolle, Becherwerfer und die Gerechtigkeit des DFB

Am vergangenen Montag traf eine nicht-abgerollte Kassenrolle einen Frankfurter Spieler in unserem Strafraum (sic!) – er hat sich erschrocken und bewundernswert differenziert geäußert.

Was aber den Boulevard, weder den gedruckten, noch die Rotte Gerechter im Forum davon abhielt, lautstark “steinigt sie, äh (tiefer) ihn” zu fordern.

Ich muss zugeben, ich habe ein Problem mit der Strafmoral des DFB. Und auch mit dem Modell von Sühne und Vergeltung, die einige von euch so pflegen. Die “volle Breitseite“, die der Werfer oder die Werferin nun abbekommen soll, bedient doch ein schlimmes Klischée, nämlich das einer Ordnungs-freundlichen, aber strengen Instanz, die mit harter Hand richtet, andere abschreckt und die Ruhe wiederherstellt, wo sie durch Chaoten bedroht wird.

Das ist eine Strafmoral, die glücklicherweise in deutschen Gerichten zur Zeit wenig angewandt wird, aus dem Bewusstsein vieler aber nicht verschwinden will. (An dieser Stelle ein Hinweis auf das Lichterkarussel, für diejenigen, die sich über öffentliche und Strafmoral unterhalten wollen)

Merkt ihr denn nicht, dass diese Haltung des “Selberstellens, um dann eine harte aber gerechte Strafe abzuholen, und sie wie ein Mann zu ertragen” zutiefst puritanisch ist? Im besten Falle John Wayne, im wahrscheinlichsten Ronald Schill und in der Konsequenz Tookie bedeutet?

KASSENROLLEN! Was kommt als nächstes: St. Pauli-Anleihen? / Gegengeraden Gerd

Fällt euch die bigotte Diskrepanz nicht auf, die wenige Wochen auseinanderliegend in der Lage ist, bei einer Stadionfinanzierung eine romantische Kiezmoral (Wir regeln das unter uns) zu propagieren, im Ernstfall jedoch nichts davon wissen will und an fragwürdige Institutionen in Sachen Gerechtigkeit verweist, den DFB und die Polizei?

Wer sich, wie viele der Strafromantiker_innen online bewegt, und bspw. mit der Aktion “Freiheit statt Angst” sympathisiert, den frage ich, wo der Unterschied liegt, zwischen einer Vorratsdatenspeicherung und dem verdachtsunabhängigen Filmen ganzer Tribünen? Na, Piraten?

Könnte es sein, dass sich der Werfer tatsächlich stellen würde, wenn er nicht vermuten müsste, das diese Kiezsolidarität garnichts gilt? Zur Fassade verkommt? Eure Echauffage vielleicht ganz andere Motivationen hat? (Stichwort: USP)

Ich kenne Online-Communities, die regeln das tatsächlich meist unter sich, geben Mitgliedsdaten nur auf richterliche Anweisung an die Polizei. Sankt Pauli und sein FC könnten sich da mal eine Scheibe abschneiden, und das tatsächlich unter sich / uns regeln. Anders geht es nämlich auch garnicht. Zumindest nicht, wenn man Vorratsdatenspeicherung, Personalisierte Tickets und andere so genannte Sicherheitsmassnahmen verhindern will.

In China kann man sich als gesuchter Straftäter nun auch online selbst stellen. Das wäre doch eine Performance, …

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