St. Pauli Werdung

Wann war eigentlich der Moment, in dem aus Ralph Gunesch, dem talentierten Profifußballer, „Felgen-Ralle“ wurde? Wann wurde aus dem Schwaben Florian Lechner, „Lelle“, dem wir Fans ein Abschiedsspiel-Fest feierten, das kein Vorbild hatte? Sicher, jeder von uns hat die Momente, die man bemühen kann, wann dieser Spieler von einer festen sportlichen Größe zu einem Teil der Magie wurde.

28.3. Rostock versenken!

Darüber habe ich heute Mittag mit zwei St. Paulianern gesprochen. Bei Penne mit Ragout, im benachbarten Altona, und mit der Frage, ob und wie das bei den aktuellen Boys in Brown wohl vonstatten geht. Über das Hadern, wegen der unsäglichen Pfeife des Herrn Gräfe am Montag und das Jammern über Fin Bartels Verletzung, kam mein Gegenüber auf eben diesen famosen kleinen Mittelfeld-Jochen zu sprechen. Dass er wohl an der Schwelle steht, zum Urgestein, und dass ihm wohl derzeit das kongeniale Pendant fehlt, und ob das schon soweit sei, ob er soweit sei, an der Werdung zum St. Paulianischen Urgestein. Ich muss dann ein wenig doof geschaut haben, und tatsächlich habe ich das wohl auch, denn gerade Fin Bartels ist es für mich schon lange. Genauer, er ist wohl der einzige St. Pauli Spieler, der schon seine „St. Pauli-Werdung“ vollzogen haben könnte (imho), als er noch bei Hansa Rostock spielte.

Und das kam so: Vor einigen Jahren hörte ich von Rostockern die Geschichte, die ich dann tatsächlich auch in der Ostseezeitung und der BILD nachlesen konnte, dass 2009, nach dem wichtigen Sieg gegen Koblenz, Hansa Spieler feiernd durch den Warnow-Tunnel zogen und dabei gesungen haben. Und das habe ich dann für mich persönlich mit Fin Bartels verbunden, und liest sich im Original so:

Zunächst machten sie Samstagnacht Freudentänze bei einer Techno-Party im Rostocker Warnow-Tunnel, begossen dort den Dreier. Offenbar heftiger, als die Polizei erlaubt. „Unsere Beamten haben angetrunkene Spieler festgestellt und zum Bahnhof Lütten Klein gefahren. Sie waren nahe der Autobahn und somit in Gefahr“, erklärt Polizeisprecherin Dörte Lembke. Personalien wurden angeblich nicht aufgenommen.
Schlimme Vorwürfe: Laut einem Bericht der „Ostseezeitung“ sollen die Spieler zudem Spottgesänge gegen den Verein gegröhlt („Who the fuck is Hansa Rostock?“) haben – was von Hansa-Seite zurückgewiesen wurde.

Kurz: wer Teil der Truppe ist, die nach einer Feier „Who The Fuck Is Hansa Rostock“ singend durch den Warnow-Tunnel läuft und dann von der Polizei hops genommen wird, wäre schon „Sankt Pauli“, bevor er eine Minute in unserem Trikot auf dem Feld gestanden hat. Ok, soweit?

Natürlich geschieht die Verbindung zu Fin Bartels magisch, in meinem Kopf. Aber sie ist so schön, zum einen die Geschichte, und zum anderen die Vorstellung, wie Fin da durch Rostock wankt, und dieses Lied intoniert, dass ich sie euch nicht vorenthalten wollte. Und so meine ich, vollzieht sich „St. Pauli Werdung“. Und das geht auch mit Lenny Thy, mit Buchti und Funk. Voran … gegen Frankfurt fangen wir an mit der Legendenbildung bei den jungen Boys in Brown, die in meiner Seele noch keine solche Geschichte haben.

 

Erik Hauth

Als waschechter St. Paulianer verpasst der passionierte Segler selten Heimspiele und fährt oft auswärts mit. Als Kolumnist schreibt Erik Hauth für Die ZEIT online über den FC St. Pauli.Twitter: @stpauli

 

2 Gedanken zu „St. Pauli Werdung

  1. Ich habe rund drei Monate in Rostock gearbeitet (müssen). Die Geschichte habe ich dort auch gehört und sie wurde definitiv mit Fin in Verbindung gebracht. Er ist St. Pauli – auch für mich.

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