St. Pauli als UNESCO Weltkulturerbe – ein substanzloser PR-Gag

Am Eingang der alten Haupttribüne des Millerntors kam ich regelmäßig (bei jedem Heimspiel ;) an einer Tafel vorbei, in der das Stadion des FC St. Pauli als „Weltkulterbe“ beschrieben wurde. Ich habe da regelmäßig „Weltkulturerbe“ gelesen, und so betrachte ich mein Stadion heute noch, also als ein schützenswertes Kleinod, das der ganzen Menschheit und beschützt gehört.

Susis Showbar, Ecke Reeperbahn Große Freiheit bei Tag – Photo credit: ukg.photographer on Visual Hunt / CC BY-SA

Vom Reeperbahn Ballermann zum Weltkulterbe ist nur ein Katzensprung

Damals war Corny Littmann noch Präsident und dieser und seine Freunde beim Business Improvement District, kurz BID St. Pauli, hatten wohl dieselbe Assoziation, als sie kürzlich anregten, den Kiez rund um die Reeperbahn zum UNESCO Weltkulturerbe zu erklären.

„Im Laufe der vergangenen Monate haben sich hinter dieser ungewöhnlichen Idee Protagonisten als Initiative ‚Kulturerbe St. Pauli‘ zusammengefunden“, sagt Julia Staron, Quartiersmanagerin des BID im Stadtteil. „Täglich schließen sich Initiativen, Einrichtungen, Institutionen und auch Einzelpersonen dem Projekt an“, sagt sie ggü der Mopo.

Das Schützenswerte sind die Menschen auf St. Pauli

Dabei ist die Grundidee nicht falsch. Julia Staron zieht die richtigen Schlüsse, wenn sie meint, dass  durch „die steigenden Touristenzahlen sich manche ausgeliefert (fühlen)“ und Verdrängung, neudeutsch Gentrifizierung, befürchten. „Uns ist wichtig, dass wir nicht zu einem Museum oder einer Kulisse werden“.

Wobei ich mich sofort frage, wer denn bisher von den Touristenströmen, den Harley Days, dem Schlagermove oder dem ganz normalen Wahnsinn am Wochenende (Stichwort Jungesellenabschiede) profitiert oder mit seiner auch poltischen Einflussnahme zumindest ggf begünstigt hat?

Wenn ich an den Kiez denke, dann denke ich an die Menschen, die dort nicht mehr oder nur noch vereinzelt leben. Den Wegzug von migrantischen, queeren und anderen unter Gentrifizierungsdruck stehenden zu verhindern, das müsste Ziel jeder Maßnahme sein. Ob da das Label „UNESCO Weltkulturerbe“ die passende Strategie ist?

„Mit ihrer Einschreibung in die UNESCO-Welterbeliste erlangen die meisten Kultur- und Naturerbestätten einen gesteigerten Bekanntheitsgrad, der sich oftmals in einer Zunahme der Besucherzahlen widerspiegelt. Für die Bevölkerung in und um Welterbestätten bietet der Tourismus oft eine wichtige Einnahmequelle. Gleichzeitig kann jedoch ausufernder, unkontrollierter Tourismus zu einer Bedrohung für das Kultur- oder Naturerbe werden.“ – Die UNESCO zu möglichen Konsequenzen eines Weltkulturerbes

Ob ein mehr an Tourismus dann zu einem Bewahren der einzigartigen Kiezkultur führt, bezweifle ich. Zumindest solange, wie ein Megaevent auf St. Pauli das nächste jagd. Solange Filme, wie „Manche hatten Krokodile“ ein St. Pauli dokumentieren, das ausstirbt, wie der Regenwald in Brasilien.

Der St. Pauli Code als Leitbild

Viel erstrebenswerter als ein Siegel der UNESCO finde ich das Weben eines politischen Rahmens, der ermöglicht, dass der St. Pauli Code, den Bewohner des Stadtteils im Zuge der ESSO-Häuser-Auseinandersetzungen erstellt haben, mit Form und Leben erfüllt wird.

St. Pauli Code:

  1. Unterschiedlichkeit statt Homogenität fördern
  2. Kleinteilig bleiben
  3. Günstig statt teuer sein
  4. Originale und Toleranz fördern
  5. Sich seinen öffentlichen Raum aneignen und lebendig gestalten
  6. Experiment und Subkultur bleiben
  7. Einen Freiraum ohne Konsumzwang bieten

Allein letzterer Punkt wird nicht mit den Motiven des BID übereinstimmen. Vielleicht wollen Corny und Co. dieses Vehikel auch nur nutzen, um den Status Quo zu erhalten und bspw. die unliebsame Konkurrenz durch Kioske auf der Reeperbahn auszuschalten (denn die gehören ja wohl offenkundig nicht zu einem Weltkulturerbe, oder?).

Ich fürchte, dass die Bewerbung zum Weltkulturerbe am Ende genauso zum PR-Gag verkommt, wie die Aktion St. Pauli pinkelt zurück: eine dolle Geschichte (die es vielleicht sogar in die New York Times schafft) – für den Kiez  aber ohne Substanz bleibt.

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Sankt Pauli NU
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