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Midnight Train to Millerntor

Schulles Statement zum Spiel spiegelt die Gedanken Tausender im Stadion in ein Reportermikrofon, auch mein erster Satz nach dem Abpfiff des Rostockers nach dem Spiel war fast wörtlich: “1:1 verloren!”.

“Das war es mit dem Aufstieg”, sagt Dew und zieht an seiner Filterlosen. Wir blicken auf den Rasen, wo unsere Spieler liegen. Einige haben sich das Trikot über den Kopf und sich der neuen Realität als Gescheiterte kurz entzogen. Ist OK, findet Dew. Wir sind hier für euch, wenn ihr zurück kommen wollt.

1:1-Niederlage gegen Nürnberg: Wer weiss, wofür sie gut ist?

Dumpfe Leere verbreitet sich dort, wo bis vor ein paar Momenten noch Euphorie war. Eine flüchtige Substanz ist die Aufstiegseuphorie; erfolgsverwöhnt und treulos. Die Nordkurve füllt die Leere mit einem wuchtigen YNWA. Endlich. Die Gegengerade und die Süd schmettern ein trotziges “St. Pauli, St. Pauli” gegen die Jubelarien der Nürnberger, die unerklärlichweise dieses Unentschieden abfeiern, als wären sie noch oben mit dabei. Einen komischen Charakter haben die ja bekanntermaßen.

Am folgenden Tag telefoniere ich mit M., den ich in Schottland ans Telefon bekomme. “Eigentlich wollten wir ja nie aufsteigen”, sagt er. Und wundert sich mit mir zusammen, wieso sich das so doof anfühlt, wenn man doch das bekommt, was man sich insgeheim wünschte?

Ich würde das ja am liebsten so haben, wie Altona 93 das manchmal macht: in meiner Liga Meister werden (in unserem Fall dann die Radkappe in die Vitrine stellen) und dann galant auf den Aufstieg verzichten. Vielleicht wären noch ein paar Millionen Handgeld vom Viertplatzierten HSV drin. Ja, sowas besprechen wir im Podcast Team. 😉

St. Pauli, Tragik, jaja

Nachdem vor der Domschänke viele Male Textzeilen von Thees Uhlmann ausgetauscht wurden; M. und ich bevorzugen ja lieber Soulsängerinnen, deren Texte haben einfach mehr erlebt, als die unseres blonden Barden aus Berlin; beginnt die Aufarbeitung.

Während die einen oder anderen ™ sich auf die Jagd nach “Saboteuren” begeben, die nun als Teilzeit-Sündenböcke herhalten müssen, schlafe ich nicht einmal aus, bevor ich an die Ostsee fahre: die gefühlte Niederlage aus den Kleidern pusten lassen von dem Wind, der über die klamme Ostsee aus Osten kommt.

“Wer weiss, wozu das gut ist”, verhakt sich als Gedanke und ich beeile mich, ihn festzuhalten. Ich spüre, er bringt mich weiter. Auch wenn sie den “B.-ösewicht” (ich habe da so meine persönliche Theorie) finden sollten, hilft manchmal Sich-Ergeben in die Situation einfach besser.

“Hoffentlich ergeht es uns nicht so, wie Kiel letztes Jahr”, sagt M. am Telefon und ich antworte ab jetzt im “Wer-weiss-Modus”: Vielleicht haben wir auch einfach ein St. Paulianisches Schicksal durchbrochen, Aufstieg und doppelter Abstieg.

Nein, ich glaube auch nicht, dass Kyreh bleibt. Finn-Ole auch nicht. Buchtmann und Benatelli, zusammen mit Ziereis und Lawrence gehen den Weg alles profihaftem. Und doch bleibt ein Gerüst, eines, das unser Sportchef, der für Willi und mich immer vorne an der Kasse bei Edeka steht, sogfältig zusammen gestellt hat.

Ich freue mich deswegen an diesem 1. Mai auf das, was ein Neumond eben auch sein kann: ein neuer Anfang, der seine Wurzeln im verpassten Aufstieg und im Umbruch der letzten Jahre hat.

Medic, Irvine (den ich am Freitag noch vor dem Jolly getroffen habe und der sich keine Platten beim Recordstore-Day gekauft hat, aber das ist eine andere Geschichte), Paqua, und vor allen Afeez (das war sehr schön mitanzusehen, wie ihn alle im Stadion und seine Kollegen auf dem Platz in den Arm nahmen, als er vom Rostocker Referee angezählt, vom Platz musste) und Igor, dem personifizierten Immerwiederversuchen.

Auf Hartel und Daschner, die – da bin ich mir sicher – die Lücken füllen werden, die Kyreh und B. hinterlassen (ob ich Buchtmann oder Burgstaller meine, überlasse ich Deiner Fanatsie).

Kurz: mir geht es wieder gut, danke der Nachfrage. Und ich singe im Bad, “ich träum von Dir”, … “spielst ganz woanders, in Liga 2”. Und vergiss das nie, St. Pauli…

Der Soundtrack der Verlierer hat mehr Soul, als der Rock der Gewinner

He kept dreaming
(Dreaming)
Oh, that someday he’d be a star
(A superstar, but he didn’t get far)
But he sure found out the hard way
That dreams don’t always come true (dreams don’t always come true)
Oh no (uh-uh, no, uh-uh)

Gladys Knight & The Pips, Midnight Train to Georgia
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