Baustelle Millerntor

„Wir brauchen uns nicht mit dem Aufstieg beschäftigen, wir müssen den Erfolg auf dem Spielfeld erzwingen.“
André Schubert, Cheftrainer des FC St. Pauli nach dem Spiel gegen Energie Cottbus

Foto: Baustelle mit FCSP Tag (groß). Aufgenommen unten am Fischmarkt
Foto: Baustelle mit FCSP Tag (groß). Aufgenommen unten am Fischmarkt

Sind wir im System Schubert angekommen? War das in der Hinrunde das Nachwirken von André Trulsen und Holger Stanislawski? Und nu?

Diese und andere Fragen wurden gestern in meiner Kurve und auch beim Nachspielbier in der Domschänke diskutiert. Zentral war die Ratlosigkeit, die sich vom Rasen auf unsere Ränge und in unsere Fanseelen fortsetzt. Dabei trifft das Verkrampfen des Teams auf ein gänzlich gegensätzliches Gefühl bei uns: selten hätte man eine Saison so genießen können, wir taten das gestern am Millerntor – und die Mannschaft in den ersten 15 Minuten auch. Umso weniger kann ich mir erklären, was danach passierte. Einen Versuch, die merkwürdige Gefühlslage zu analysieren möchte ich trotzdem wagen.

Aufstiegsangst

In der Tat, es geht um den Aufstieg. Und die Erwartungshaltung eines ehrgeizigen Trainers kann genauso lähmen, wie die Erinnerungen an das letzte Frühjahr, als vielen unserer Boys in Brown klar wurde, dass sie bombige Fußballer, tolle Typen, aber vielleicht auf Dauer keine Erstliga-Profis sind. Auf diese Erinnerungen kann André Schubert nicht zurückgreifen und vielleicht, so wirkt es zumindest nach Außen, auch mit seiner sachlichen und analytischen Art des Jahrgangsbesten nicht greifen. Marius Ebbers, auf der Zielgeraden seiner Karriere und schon dreimal (!) in Liga eins gescheitert, ist vielleicht der Prototyp dieser vorauseilenden Neurose. Florian Bruns, Max Kruse, Fin Bartels, selbst Fabian Boll steckt vielleicht die Angst in den Knochen, und die Vorstellung im Kopf, was denn gewesen wäre, wenn das gestern Borussia Dortmund gewesen wäre und nicht Energie Cottbus (wie Zaphod schreibt).

Personeller Umbruch

Und ausgerechnet in einer Situation, in der Emotionen gefragt sind, verlässt uns Ralph Gunesch. Fabio Morena landet per BILD Zeitung auf dem Abstellgleis und kreative Wirrköpfe, wie Deniz Naki und Charles Takyi auf der Bank, bzw. im Nirvana der Nichtnomierten. Das darf man ruhig mal ansprechen und kritisch hinterfragen, was denn das soll, dass Schubert verdiente St. Paulianer aussortiert und Paderborner nachholt? Das wirkt, satirisch gesehen, wie eine kleinere Ausgabe der Arnesen-Arsenal-Rochade. Und mir ist unklar, wo das hinführen soll. Sicher, Andre Schubert trägt die Verantwortung, und auch ich habe in meiner beruflichen Laufbahn immer mal wieder Menschen, mit denen ich besonders gut zusammen gearbeitet habe, nachgeholt. Allerdings ist das ein Risiko, das vor allem Helmut Schulte und Jens Duve im Blick haben müssen. Denn sie beide sind es, die verantwortlich dafür sind, dass die Magie am Millerntor sich auch in den Spielerpersönlichkeiten wieder findet.

Auswärtssieg

So bleibt die Hoffnung, dass unsere Boys in Brown tatsächlich sich als Truppe sehen – und nicht inzwischen das Gift der Schuldzuweisungen wirkt. Matze Hain zumindest hatte gestern das richtige Feuer, als er den Zeit schindenden Cottbusser kurzerhand beiseite schubste. Mit „hope in your heart“ könnt ihr auch in Düsseldorf bestehen. Wenn ihr anstatt zu zwingen das möchten wählt, statt dem Krampf die Lust. Wir lieben euch sowieso – und mit pumpenden Herzen noch mehr.

Kommentare 5

  • Nun ja, die resten 6-10 Minuten machten tatsäschlich ein wenig Hoffnung und man sah wozu die Mannschaft in der Lage ist. Mir schien es fast so als ob sich nach diesem Auftakt, die Mannschaft daran erinnerte, mit welcher Marschrichtung der Trainer sie aufs Feld geschickt hat.
    Ich kann wirklich kaum ein Spielsystem erkennen. Keine (na gut: kaum) klare Spielzüge. Kein Tempo beim umschalten von Abwehr auf Angiff. Extrem viel Verkehr im Mittelfeld und keine Anspielstationen im Angriff. Und wenn es mal zügig ging, rückte niemand nach. Ich denke, sie dürfen nicht wie sie könnten. Stärken eines Bartels oder Kruse oder Naki (wenn er denn mal darf) und auch eines Bruns (der ja durchaus in der Lage ist Pässe in die Schnittstellen einer Abwehrkette zu spielen), könne so gar nicht zum tragen kommen. Bing bang bong und dann Song2? Geschichte.
    Spätestens gegen seit dem Heimspiel vs. E. Frankfurt habe ich keinen überzeugenden Auftritt mehr gesehen. OK, gegen die Sechziger sah es großteils überzeugend aus – in die Spitze jedoch auch verhalten.

  • Ich bin nicht so ganz sicher, ob das Aussortieren von Fabio Morena, der Weggang von Matze Lehmann oder die Verunsicherung im Team nicht maßgeblich mit der Person Andre Schubert zu tun haben. Keine Ahnung auch wie sein Rückhalt im der Führungsetage des Vereins ist….

    •  Inzwischen, also nach dem Schlafen drüber, bin ich ja auch der Meinung, dass das einfach noch zum Abschiedsschmerz gehört, der das Ende der Ära „Back From Hell“ begleitet. Und André Schubert dafür die Schuld zu geben, ist einfach zu billig. …

    •  Ist Fabio denn schon aussortiert? Und ging Lehmann nicht schon, bevor Schubert als neuer Trainer feststand? Ich kann diese Trainerdiskussion, wenn man einzelne kritische Stimmen so bezeichnen will, nicht wirklich nachvollziehen.

  • „zu beschäftigen“ ;)