Berlinfahrerinnen

Als ich Altona verlasse scheint die Sonne fast warm, es sind gute sechs Grad Celsius, die sich auf dem Bahnsteig gut anfühlen. Ich blinzele in die Sonne und schaue mir die verfallenen Gleisanlagen in Altona an, die bald ein neuer Stadtteil sein werden.

Die meisten Stpaulianerinnen sind schon vor einer Stunde los. Ich fahre ihnen hinterher.
Am Hauptbahnhof steigen mir zwei weitere Mitfahrerinnen in das Abteil. Die Heizung brummt energisch Luft zu uns hinein. Wir passieren Hagenow Land, unterhalten uns über Fussball, Kultur und Australien, als mir auffällt, dass es immer düsterer wird. Nebel legt sich vor die Sonne, sie wärmt nicht mehr. Die Bäume tragen nur noch tiefbraune Blätter oder gar keine mehr. Hoffnungsloses Land. Mir wird kalt trotz meines Troyers.

Den Rest der Fahrt lese ich in einem Roman, in dem ein alter fetter Mann mit dem Fahrrad zu sich selbst und seiner toten Schwester fährt. Nebenbei höre ich das neue Album von Noiseaux.

„Ich bin a bayrisches Cowgirl“, ruft eine Gruppe Soldatinnen, als sie neben mir den Gang entlang stürmt, Notausgang Bordbistro.

Ich habe einen ebürtigen Wolfsburger kennen gelernt, meinen ersten. Und als ich rausschaue liegt hinter der Autobahnbrücke, die die Bahnstrecke kreuzt nur grau-nasse Wolle.

Nach Spandau entspanne ich mich, wie jedes Mal, wenn ich nach Berlin reise. Diffuse Ängste über das Stranden in Mecklen- oder Brandenburg treiben mich da wohl um, und verknoten etwas innen drin. Am Hauptbahnhof begrüßt mich Frl. Göttlich, sie holt nicht mich direkt ab, aber ich freue mich dennoch sehr. Das ist ein schönes Gefühl, wenn einen jemand am Bahnhof abholt.

Ich wohne im Berliner Westen, einen Steinwurf vom Ku’damm entfernt. Alte Bürgerlichkeit atmet diese Strasse, Geld und Dreck in selten harmonischer Symbiose, das ist für mich Westberlin. Gegen 18:00 mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum Stadion. Vor dem Hotel Mondial steht der Mannschaftsbus, und wartet still. Die Spieler sind wohl noch an der Früchtebar. Ich geh dann schon mal vor, denke ich, und steige am Savignyplatz in die S75 zu, in der meine Bezugsgruppe sich mit mir treffen wollte. Keiner da, also schon, der Zugwaggon ist voll mit Stpaulianerinnen und Berlinerinnen, aber keine BZG.

Westkreuz hangele ich mich über den klammen Bahnsteig und treffe mit großem Hallo den Rest Supporterinnen. Man ist schnell am Olympiastadion als Gast. Fast angenehm die Ankunft, mit entspannten Bullen und Bier von Haake-Beck.

Das Stadion liegt dann genau vor uns, und bis zum Gästeblock sind es noch drei Personenkontrollen. Angekommen liegt diese Schüssel dann vor einem, der allgegenwärtige Nebel wabert um das Flutlicht, unseren Exverbündeten. Als das Spiel beginnt klebt alles irgendwie klamm zusammen, Gesänge wuchten sich gegen die Weite des Rundes und bleiben 10 Meter weiter einfach hängen. Alle auf dem Rasen bewegen sich in Schablonen, die nur ein Flitzer aufzubrechen ich der Lage ist, der sich unter unserem Ansporn, lange 70 Meter vor seinen Häschern absetzen kann.

Dann beginnt das, was Menschen wie Wolf genießen können, ein von taktischer Finesse geprägtes Spiel, bei dem sich beide Mannschaften gegenseitig kompakt verhaken, meist zwischen beiden Strafräumen, oder am Schluss mit Tschauni.

Zack, ist die 85. Minute da, inzwischen hat man sich ausgesungen und mit dem Unentschieden angefreundet, da bimmelt es doch noch und Hertha spielt seine Geheimwaffe aus, zum einen den längsten Industrietorjubel der Welt, gefühlte fünf Minuten Hurramusik, und zum anderen liefen die Berliner dann ewig gegen riesige Nebeltropfen, an denen sie sich den Tod wegholten, oder fast, und bis zur 92. Minute einfach liegen blieben.

Nach unserem dann sehr lauten Lob für die Boys in Brown, verließ ich schnell diesen Ort, um zu schlafen. Heute dann von Berlin aus nach Hause, einen Lübecker getroffen, der die eigene Stadtmannschaft nicht mag, wegen der schlimmen Leute da, und DJ DSL. Gespräche über Schalke, Stenger und Blockfahnen. Dann Altona. Im Nebel.