FC St. Pauli: Was passiert beim Coming Out eines schwulen Spielers, Ewald Lienen?

Ewald Lienen hat sich beim jährlich stattfindenden Startschuss Fußball-Turnier für queere Fußballer auch über ein mögliches Coming-out eines Spielers geäußert. Grundsätzlich sei noch ein weiter Weg im Fußball zu gehen, bis Diskriminierungsfreiheit herrsche, so lese ich die Zitate, die ich in der Mopo, der FAZ und dem Hamburger Abendblatt lese.

„Ein schwuler Spieler wäre bei uns der Star“

Ich frage mich: Ist der FC St. Pauli denn überhaupt vorbereitet darauf, ein Coming-out beispielsweise eines Jugendspielers im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zu begleiten? Wie sehen da konkret die Prozesse aus? Wer ist Ansprechpartner dieses Jungen? Ewald, Du?

Sind wir wirklich der „etwas andere“ Klub?

Ich habe da so meine Zweifel, dass es für einen (angehenden) Bundesliga-Profi eine gute Idee wäre, sich zu outen.

Ich sehe nicht, dass sich das Umfeld, in dem Corny Littmann 2012 jeden schwulen Fußballer davor gewarnt hat, sich zu outen, wesentlich verbessert hätte. Im Gegenteil: das Aufkommen der AfD macht das Szenario noch bedrohlicher.

„Für einen schwulen Profi-Fußballer würde das Outing aktuell das Ende seiner Karriere bedeuten. Er müsste befürchten, dass er innerhalb seiner Mannschaft und des Vereins Probleme bekommt“, Corny Littmann, 2012, Queer.de

Ein schwuler Fußballer stünde dem FC St. Pauli gut zu Gesicht, das finde ich auch. Und den Mut, in einer heteronormativen Welt sich zu zeigen, wäre bewundernswert. Aber sind wir wirklich so stabil, wie wir gerne tun? Wie verhindern wir, dass der Mensch in dem Trubel, der dann lösbräche, keinen Schaden nimmt? Was passiert auswärts, nach seinem Vertragsende bei den Boys in Brown?

Nicht erst seit der Debatte um die homophoben Sticker auf der Nord, kann man das ehrlich bezweifeln, dass beim FCSP die sexuelle Orientierung tatsächlich „keine Rolle spielt“.

Auch das Wiederholen von Klischees hilft hier wenig, wenn Ewald Lienen vermutet, dass die schwulen Spieler unter seiner Leitung „im Zweifelsfall … die kreativsten Leute (waren), die im Mittelfeld die tollen Pässe gespielt haben“. Auch hier vermute ich eher, dass Corny Littmann da näher dran ist, wenn er ggü diesem Blogger einst sagte, dass die schwulen Spieler die härtesten sind, die männlichsten, die penibel darauf achten, auf keinen Fall als „weich“ zu gelten.

Und nu?

Die Regenbogenflagge auf dem Dach und auf dem Trikot ist schonmal stark, aber reicht das aus? Ich habe den FC St. Pauli gefragt, wie der Prozess aussieht, falls ein Spieler sein Coming-out vorbereitet oder was vorbereitet ist, wenn – was kritischer wäre – jemand geoutet würde. Die Antwort poste ich hier.

Außerdem sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass das Schwadronieren von Heten zu diesem Thema – und das schließt mich ein* – nur bedingt hilfreich ist und dass St. Pauli, als Teil des Fußball-Zirkus, eben nicht die Insel der Glückseligen ist – noch nicht.

„Der FC St. Pauli ist auf einen solchen Fall nicht vorbereitet“, Aktionsbündnis gegen Homophobie & Sexismus Sankt Pauli

Update: Ich habe heute Vormittag mit Sandra vom Aktionsbündnis telefoniert. Auch dort ist man irritiert von den Aussagen Chewalds – vor allem über die „kreativen Leute mit den tollen Pässen“. Sandra ist auch  davon überzeugt, dass der FC St. Pauli nicht ausreichend auf einen solchen Fall vorbereitet ist. Zum einen fehlen konkrete Ansprechpartner, wenn es um das Thema Diskriminierung geht. Im NLZ sind zwar gerade die Kapazitäten für eine allgemeine Sportpsychologische Betreuung erweitert worden, ein klarer Prozess, wie der FC St. Pauli konkret ein Coming-out betreuen will, fehlt völlig.

Die Grenzen des Ehrenamts

Zum anderen sieht nicht nur das Aktionsbündnis hier die Grenzen des Ehrenamts erreicht. Der FC St. Pauli braucht Personen, die sich hauptamtlich dieser Herausforderung stellen, Angestellte mit Mandat, die entweder gut geschult sind oder Expert_innen in diesen Themen. Sonst kann es passieren, dass wir uns durch unseren „Botschafter“ Ewald Lienen Lorbeeren abholen für unser Engagement, das dann einem jungen Menschen im Lebenslauf explodiert.
***

*. Ich habe mir länger überlegt, diesen Artikel zu schreiben. Ich halte das nämlich für schwierig, wenn ausgemachte Heten, wie Ewald, meine Wenigkeit oder Marcus Wiebusch dieses Thema „besetzen“. Allerdings kommt es immer mal wieder vor, dass man von Betroffenen von Diskriminierung nach vorne geschickt wird; in dem Sinne, dass man weißen, männlichen Heten einfach mehr zuhört und homophobe Anfeindungen an mir eben abprallen. In diesem Sinne poste ich hier; nehme aber gerne jede Kritik an und höre gespannt zu, denn das Thema „Vielfalt“, zu der auch dieses gehört, ist mir ein Anliegen in diesem Klub. Dazke.

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