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Werte, Werte, Poperte

Heute Abend geht es auf St. Pauli um Werte. Die des Vereins, die der Fanszene, die an die wir uns halten und diejenigen, die wir als St. Paulianer_innen ablehnen. Ich denke hier laut, ohne Anspruch auf Sinn und Vollständigkeit … sammle Gedanken und Splitter zum Thema, die mir relevant erscheinen. Ohne Anspruch aufs Zuendedenken.

Photo credit: jaroh on VisualHunt / CC BY-SA

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Das mit dem Wert ist an sich schon schwierig, weil es mindestens drei Definitionen dieses Begriffes gibt.

Wert/Wért/Substantiv, maskulin [der]

  1. einer Sache innewohnende Qualität, aufgrund deren sie in einem gewissen Maße begehrenswert ist [und sich verkaufen, vermarkten lässt]
  2. marxistisch, in einer Ware vergegenständlichte, als Tauschwert erscheinende gesellschaftliche Arbeit, deren Maß die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist
  3. [Pluraletantum] Dinge, Gegenstände von großem Wert, die zum persönlichen oder allgemeinen Besitz gehören, „bleibende, dauernde Werte“
  4. positive Bedeutung, die jemandem, einer Sache zukommt, „der künstlerische Wert eines Films“

Beginnt man damit, über die St. Pauli „innwohnende Qualität“ nachzudenken, aus der sich dann ein Wert ergibt, den der Verein auch vermarktet, kann man schon Knoten im Kopf bekommen.

"Werte, Werte, Poperte", frei nach Helge Schneider

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Der Wert eines Fans

Interessanterweise findet sich in den Definitionen zum Begriff Wert auch die zweite Dimension der Diskussion: wieviel ist ein Mitglied, ein Fan wert?

Schreibt man die marxistische Definition ein wenig um, so zum Beispiel: „In einem Status oder Gremium vergegenständlichte, als Wert erscheinende gesellschaftliche Arbeit, deren Maß die geleistete Supportzeit ist“, so sieht man schnell, dass unsere Form der Wertermittlung eine stinknormale ist. Wer am längsten und erfolgreichsten sich durch unsere Institutionen wühlt, der ist am meisten wert. Das gilt für Gremien analog, oder ist irgendjemandem außerhalb der so genannten „aktiven Fanszene“ der „Ständige Fanausschuss“ ein Begriff? Dies würde ich gerne genauso hinterfragen, wie die unserem Tun zugrunde liegenden Werte an sich.

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Begründungsfähigleit

Momo schrieb in vielen seiner Blogartikel, dass Normen und Diskurse sich im Kern durch ihre Begründungsfähigkeit legitimieren. Legitimation ist wohl ein Grundthema heute Abend, vor allem demokratische.

Für mich stellt sich ganz praktisch die Frage: unter welchen Umständen kann beispielsweise der Einsatz von Pyrotechnik zu einem allgemein legitimierten Wert beim FC St. Pauli werden? Da wäre, „weil es geil aussieht“ oder „weil es zur Ultra-Kultur gehört“ offensichtlich keine ausreichende Begründung, weil sie rein ästetisch argumentiert, nicht inhaltlich.

Umgekehrt benötigt eine Einschränkung der Selbstverwaltung der Südkurve (auch dies als Beispiel verstehen bitte) eine umfassendere inhaltliche Legitimierung, als durch Zitate auf externe Ordnungssysteme, wie Strafrecht oder DFL-Verfahrensordnungen.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass unser Wertesystem mit anderen in Resonanz steht. Ist bei jedem Heimspiel am Beispiel der Flaschen-/Bechersammler oder der Schwarzhändler zu bestaunen, wieviele Systeme da korrespondierend ihr Werk tun.

„Jedes System hat in seiner Umwelt mit anderen Systemen zu rechnen.“

Luhmann, N., Soziale Systeme, 1984, Seite 256

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Widerspruch überall

Wie in der Schule: Bilde (Werte-)Paare, die einigermaßen kollidieren oder mindestens konkurrieren:

  • „Pauli-Hippie“ vs. „Antifa Hooligans“
  • Autonomie vs. Gruppe
  • Verantwortung vs. Solidarität (Treue)
  • Alte weiße Männer vs. junges Hüpfgemüse
  • Spielbezogener Support vs. Dauer La-La-La (auch „Gähnende Stille“ vs. „Ich träum von Dir“; auch GG vs. Süd)
  • Gewaltlosigkeit vs. Notwehr vs. Präventivschlag
  • Fan vs. Mitglied vs. aktive Fanszene vs. Ultra
  • Profifußball (Mainstream) vs. Subkultur (Indie)
  • Kiez vs. Welt
  • Autonomie vs. Ordnung (Recht)

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POP und Geister

Freibeuter der Liga, Nazis aus den Kurven, Punk, Bahnhofsmission. Vielleicht jagen uns ja unsere eigenen (pop)kulturellen Geister der 80er und 90er Jahre im Kreis herum, kommen wir aus dem Zitieren gar nicht heraus.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto wahrer erscheint mir die Vorstellung, dass wir mit Zitaten eines untergegangenen Millerntors nicht weiter kommen. Und trotzdem können wir vom Wesen der Popkultur, von der wir ein Teil sind, das ist unleugbar, für diesen Diskurs lernen. Ein Schlüsselbegriff ist Derridas „Hauntologie“ (vgl. unseren Popcast dazu)

Wie durchbricht man den eigenen Gründungsmythos, auf den heute Abend sicher viele verweisen werden? Oder zitieren wir da unsere eigenen Geister, längst entschwunden und doch untot?

„Ein Phantom stirbt niemals, sein Kommen und Wiederkommen ist das, was immer (noch) aussteht“

Jacques Derrida

St. Pauli als „Abandoned Place“

Immer schwieriger wird dabei die zuverlässige Unterscheidung zwischen “Vintage-” oder “Stil-Geistern” und den echten Spektren der Vergangenheit. Vor allem auch deshalb, weil Atemporalität an dieser Stelle auch bedeutet, dass die klaren Grenzen unscharf werden und das was früher einmal eine Lüge der Kulturindustrie gewesen ist, in seinem Nachleben als Geist trotzdem so etwas wie eine auratische Qualität erhalten kann: Die Faszination mit gespenstischen Relikten von Vergnügungsparks und Shopping Malls zeigt das eindringlich.

„Geister“ von Benedikt Köhlerhttp://www.slow-media.net/geister

Popkultur als Vorbild: Pop-Art löste Ende der 70er Jahre den Unterschied zwischen profanem und „hoher Kunst“ auf. Das verschiebt auch Werte. Auf den FC St. Pauli übertragen, stellt sich die Frage: wer oder was ist die Dose Tomatensuppe, wer ist Andy Warhol? ;)

Pop ist demnach eine Vorgehensweise, die Kataloge schafft. Aus diesen Katalogen wird fortnehmend zitiert und zwar in sämtlichen Bereichen des kulturellen Schaffens. Im Grunde gleicht das gesamte popliterarische Inventarisieren einer Art Aufschreibesystem. Vielleicht ist man in Zeiten der Globalisierung auf der Suche nach Identifikation und gemeinsamer Identität. Kaum schwappt die Flutwelle über Ostasien, reproduzieren die Medien ein Bild der kollektiven Anteilnahme in der Endlosschlaufe. Wenige Tage später existiert der Popsong zur Flut, der genau dies beinhaltet: eine kollektive Emotion. Sie schafft das, was die schier unendliche Anzahl an Lebenswirklichkeiten nicht leisten kann: eine, wenn auch undifferenzierte, Identifikation mit den Mitmenschen, unabhängig von den persönlichen Lebensentwürfen. Vielleicht ist dies der schlussendliche Beweggrund für popkulturelles Schaffen?

Hanna Wendler, „Was ist Popkultur“
»Die soziale Revolution … kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen,
sondern nur aus der Zukunft«
(Marx 1852: 117).

und dieser Gedanke noch, der erscheint mir wichtig, weil das „Ritual“ ja eine Mischung aus Geisterwelt und Aktionismus ist.

Vorbereitende Lektüre:


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