Wir brauchen mehr „Hippie-Scheisse“

… oder: Gitarrenrock vs Hip Hop auf St. Pauli.

„Wir sind Sankt Pauli“ ist der aktuelle Aufruf aus der St. Pauli Fanszene überschrieben, den SPNU hier auch veröffentlicht und unterzeichnet hat. Und ich habe damit so meine Probleme (voll schizo, Probleme mit dem eigenen Aufruf zu haben, aber irgendwie auch „St. Pauli-like“).

Hintergrund sind wohl, wenn ich das richtig verstehe, Übergriffe von jungen Kerlen, die in „Macker-Manier“ durch das Viertel ziehen, oder auf Spielplätzen auf Krawall lauern. Mir ist bisher noch schleierhaft, ob diese Kerdls aus dem Viertel sind, oder wie beim Schanzenfest in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, aus den Randbezirken einfallen, um ihren Frust in Testosteron-geschwängerten Spaß zu verwandeln. Das ist imho wichtig zu Wissen.

Haut doch ab“

Probleme habe ich, wenn ich Begriffe wie „Normen und Werte“ lese – dann wird es mir unwohl, denn ich vollziehe sofort den Gegengedanken: „Was wäre, wenn das der Innensenator oder ein CSU-Mitglied sagen würde?“ – das hat mir schon viel Ärger eingebracht, auch unter St. Paulianern, dass ich darauf dränge da sehr eng zu differenzieren. Und in der Tat: wie schmal ist er  denn, der Grat auf dem wir uns bewegen? Wenn es um das Abwehren von Gewalt beim Schweinske Cup geht, das „beschützen“ unserer Lokale und der eine Schritt weiter nur für Eingeweihte sichtbar wird, das, wofür St. Pauli steht „nur“ als Vorwand zu nehmen. Stil ohne Sinn, die andere Seite der Medaille. Derselben dummerweise.

Wenn ich mir dann vorstelle, die Jungs kommen hier aus dem Viertel und kotzen im Strahl über die Belehrungen der alten schwarz gewandeten Opas mit ihrem Punkrock und dem Galao in der Hand. Rebellieren eben aus purer Wut, ohne politische Richtung. Sind hereingefallen auf das Versprechen vom Konsum einerseits, aber auch auf unsere, die Erfolge der Fanschaft durch Gegenwehr. Und sei es nur für den Moment, für das Gefühl, bis Sonntag Abend der Chef im Revier zu sein. Dann kommt mir der Kommentar von Hans bei Facebook in den Sinn  – und unser Aufruf mir doch sehr ausgrenzend vor:

Das sind „Werte“, deren inhalt einem zeitlichen Wandel unterliegen, wie das nunmal mit allen Worthülsen so ist. „St. Pauli“ (Anmerkung des Autoren) war vor 30 jahren noch etwas ganz anderes als heute …
… es gibt eine menge an menschen, die, freiwillig oder unfreiwillig, irgendwie alle miteinander zu tun haben. dann denkt sich ein teil davon: „der andere teil gefällt uns so nicht, die machen das nicht so wie wir, also sind das eigentlich auch keine menschen, die hierher gehören.“ und versucht dann herrschaftlich das verhalten der anderen zu ändern, indem als alternative die ausreise bzw. entfernung von der gruppe angeboten wird.
punkt zwei: evtl. sollten sich alle auch mal fragen, wo soetwas denn überhaupt herkommt. das ganze macho-ich-fühl-mich-geil-weil-ich-vorm-jolly/fanladen/sonstwas-stehe ist da nicht unschuldig dran. wenn demonstrative männerstärke zum alltag in der fanszene gehört, dann äußert sich das nunmal in einem überlegenheitsgefühl (pöbeln, schubsen, schlagen) und durch stehpissen in gärten.

kurz: das plakat is durch und durch unreflektiert und schrecklich!

Ich bin durchaus in der Lage, diese Meinung nachzuvollziehen, ohne sie zu teilen – und mir wird immer merkwürdiger zu Mute, wenn ich nochmal auf die Logos unter den Aufruf schaue – das ist unterzeichnet von all den Organisationen, die ich zutiefst bewundere: AFM, Fanladen, Jolly Roger et al. Und selbst sie erreichen eine Menge St. Paulianer_innen nicht mehr? Oder welche die sich „nur“ für welche halten. … Und das scheint mir die wichtigste Frage zu sein: Ist das Mißbrauch eines Absenders, so wie man Che Guevara sein Vermächtnis in die Popkultur entführt hat, oder sind das St. Paulianer_innen, die ihrer Wut anders Ausdruck verleihen?

Die Beantwortung dieser Frage entscheidet nämlich darüber, wie wir damit umgehen sollten. Im letzteren Fall macht man sich das mit der Ausgrenzung, „Hau doch ab!“ zu einfach …

Sankt Pauli NU
Dieses Blog schreibt seit zehn Jahren über den Stadtteil St. Pauli und seinen magischen Fußballclub. Meinungen, News und Geschichten von der Reeperbahn und aus dem Millerntor. Auch als Podcast. Wir stemmen dieses Blog privat und freuen uns über Deine Unterstützung in Form einer monatlichen Spende (im Gegenwert eines Galao in der Schanze ;)

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