Zuviel Druck

Ich traf im Kick & Company in Altona erst kurz vor Anpfiff ein. Die Wirtin, eine heimliche Anhängerin des Stadtmeisters, des neuen, ansonsten aber auf Neutralität bedacht, schimpfte leise auf das Elend, dass ihr der Abstieg des HSV bescherte, spielten doch beide Vereine, ihrer und mein FC St. Pauli, diesen Sonnabend zur gleichen Stunde.

Kaffe und Notizbuch – Aufarbeiten einer Klatsche

Was ihr Umsatzeinbußen bescherte, fühlte sich für mich exotisch an. Im kleinen Raum neben den Kickertischen saßen wir St. Paulianer, im großen Saal die Anhänger des Vorstadtklubs, beide richteten die Augen auf ihre Version der televisionär versendeten Wirklichkeit und versuchten die andere Fraktion, nur von einer dünnen Glasscheibe getrennt, zu ignorieren, so gut es ging.

13:00 Uhr ist fürs Trinken viel zu früh, also bestellte ich die beste aller schlechten Alternativen, ein bayrisches Weißbier, alkoholfrei und isotonisch. Das lässt einen gesunden Gleichdruck in meinen Zellen entstehen; es fließt genauso viel aus mir hinaus, wie hinein.

SV Sandhausen – FC St. Pauli – ein emotionaler Bericht

So begann das Spiel im weit entfernten Hardtwald, an den ich mich als ungemütlichen, dunklen Ort erinnere, durch den ein kühler Winterwind wehen kann. Die Boys in Brown begannen ebenfalls isotonisch, darauf bedacht, nicht mehr hinausfließen zu lassen, als hinein. Druckausgleich als Spielidee.

Einen Ausgleich herstellend, aus dem Anspruch, der intellektuellen Überzeugung des eigenen Vermögens, der technokratischen Rangfolge, die sich durch die Tabelle ergibt und dem nagenden Zweifel, der sich seit dem letzten Sonntag noch jeden Tag verstärkte, der Wut über sich selbst (bei den reiferen) oder auf andere Teile des Teams, der Fanschaft und die kleine Welt am Millerntor.

Das Überkippen ins Hypotonische konnte ich selbst durch die kalte Linse der Kamera erfühlen, langsam aber sicher floss alle Zuversicht aus den Jungs heraus. Und der SV Sandhausen in Form des ewigen HSVers Diekmeier druckvoll in sie hinein. Als wollte auch er den Derbysieg, nur um eine Woche retardiert.

St. Pauli zerschellte an diesem Wollen, Buballa fiel mehrfach schwächelnd auf seine Knie, Mats wurde einfach abgeschüttelt und Marvin war komplett von der Knolle; so spannungslos ließen sich unsere Spieler zerdrücken, dass in mir pures Mitleid übrig blieb.

Ich kann da keine Wut entwickeln auf dieses Häuflein Elend, das sich später noch tapfer den eigenen Fans stellte, dabei Beschimpfungen und Bier über ihre hängenden Köpfe ergehen ließen.

In einem Ausbruch hypertonischen Überdrucks vermischten sich eigene Rechtfertigungen mit der Forderung nach kapitalistischem Leistungslohn; auf die Idee, sich in den Schmerz zu ergeben, aus ihm vielleicht die Lust zu ziehen, die den Druck ausgleichen könnte, kamen da wenige, wie mir berichtet wurde.

Auf das so wichtige Zeichen der Solidarität, mit unserer Mannschaft und sich selbst, wartet man auf St. Pauli auch acht Tore nach der letzten Sonntagsfrage vergeblich.

Schlimm.

Ich bestellte mir dann am Ende doch noch ein kleines Bier aus dem Tschechischen und vom Fass, um zuzusehen, wie Darmstadt die bleierne Wolkendecke über mir kurz aufriss.

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