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Rocko Schamonis Roman „Große Freiheit“: Zwergkaninchen auf Riesenschultern – ein wohlwollender Verriss

Rocko Schamoni, Foto: Rocko Schamoni

Rocko Schamoni hat einen Roman geschrieben. Ich habe ihn mir durchgelesen – nach „Dorfpunks“ das erste Buch von Rocko, das ich ganz durch bekommen habe, ohne es entnervt in die Ecke zu feuern.

Dabei mag ich Schamoni, ist er doch ein St. Paulianisches Original, Mitbegründer eines meiner Lieblingsklubs, dem Pudel und umtriebiger Ausprobierer.

Das Theaterstück im Schauspielhaus, das auf seinem Roman „Dorfpunks“ basierte war hervorragend. Und doch werde ich mit dem Romanautor Rocko nicht warm.

Podcast-Review: Grosse Freiheit

Hamburg spricht wieder über Hubert Fichte

Schamonis größte Leistung ist, dass nun wieder viel über Hubert Fichte gesprochen wird, den ersten Pop-Literaten, den Hamburg hatte, bekennend bisexuell und das zu einer Zeit, in der Liebe unter Männern noch strafbar war. Aus dem Schatten des Originals schafft es der Roman „Große Freiheit“ nicht einmal ansatzweise. Schamoni erzählt emotionslos die bekannte Geschichte des Puffbesitzers Wolli Köhler, schmückt sie hier und da ein wenig aus, ohne seine Figuren tiefere Wesenszüge zeigen zu lassen.

Wolli der Anreißer, Wolli der Lude und Wolli der Laufhausbesitzer bleiben blass, eigentlich treiben alle drei durch den Stadtteil, wollen weder böse noch gewalttätig sein – ein Gutmensch als Zuhälter? Dabei weiß man doch – spätestens seit dem Originalinterview mit Hubert Fichte, wie vielschichtig und politisch interessiert „Wolli Indienfahrer“ war.

Was fehlt: eine weibliche Stimme

Frauen finden in Schamonis Roman auch statt, allerdings nur am Rande. Dabei wäre die Figur der „Mauli“ oder „Maulwurf“, Wollis Freundin, Geliebte und Hure eine gewesen, die St. Pauli aus der Sicht der Sexarbeiterinnen hätte erzählen können.

Diese Chance lässt Schamoni verstreichen, garniert seinen Roman lieber „gumpesk“ mit lauter Zeitgeschehen. Namedropping steht auch ganz oben auf Schamonis Liste; ohne Bezug zur Geschichte rauschen die Beatles und andere Stars der 60er Jahre, allerdings wie Brühe durch den Roman.

Rocko Schamoni: "Große Freiheit"

20,00 €
4.7

Leseempfehlung

4.7/10

Pros

  • Bringt einen dazu, mal wieder Hubert Fichte zu lesen.
  • Eine Art St. Pauli Dictionary

Cons

  • Schwache Story
  • Einschläfernder Stil

2 Kommentare zu „Rocko Schamonis Roman „Große Freiheit“: Zwergkaninchen auf Riesenschultern – ein wohlwollender Verriss“

  1. Leseempfehlung

    4.6

    „In Köhlers Leben geht es um Freiheit und Selbstbestimmung, um Rebellion und Unangepasstsein, das hat für Schamoni die Faszination ausgemacht, und alle diese Begriffe liest man in diesem Roman tatsächlich wieder und wieder, nur – man spürt sie nicht. Daran mag die Eintönigkeit von Schamonis Stil schuld sein, eine biedere Nacherzählung in monotoner Syntax, die auch durch die gewählte Zeitform, das Präsens, nicht an Rasanz und Dringlichkeit gewinnt.“ – Spiegel Online
    http://www.spiegel.de/kultur/literatur/rocko-schamoni-ueber-die-reeperbahn-in-grosse-freiheit-seinem-roman-a-1252919.html

  2. Leseempfehlung

    4

    „Im Roman „Große Freiheit“ erzählt Rocko Schamoni von einer untergegangenen Epoche, in der es auf dem Kiez noch wild zuging. Dafür ist das Buch erstaunlich langweilig.“
    Janne Knödler in der SZ.

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