Drei Tage #NoG20 – ein Erfahrungsbericht

6.7. Fischmarkt Hamburg-Altona – „Welcome to Hell Demo“

G20: Bunter Protest – Photo credit: t–h–s via Visualhunt.com / CC BY

A. und ich sind am Fischmarkt. Wir haben uns ein paar Reden und etwas Musik reingetan, haben auf dem Anleger gesessen und die Kapriolen des Antifa-Schlauchboots gefeiert, haben auf der Promenade über die Massen an Demonstranten und Polizisten gestaunt und jetzt stehen wir beim Restaurant Fischerhaus, nördliche Straßenseite.

Auf der südlichen Straßenseite stehen Leute in Schwarz. Auf der nördlichen stehen wir und viele andere „normale“ Demonstranten. Jung, alt, alles dabei. Der Bürgersteig auf der Nordseite verläuft durch einen Säulengang. Gepaart mit weiteren Demogängern ergibt das einen ziemlich engen Durchgang, durch den immer wieder BFE Einheiten hasten. Dabei werden Leute weggerempelt und angepöbelt. Die Stimmung war den ganzen Tag friedlich. Die Polizei ist es nicht. Die Jungs sind geladen. Ein Beamter verliert auf eilig seinen Schlagstock. Das wirkt alles wahnsinnig unsouverän.

Wir stehen dort, weil wir dachten, dass die Demo gestartet ist. Das war sie auch, nur weit gekommen ist sie nicht. Jetzt sind wir halt etwas weiter vorne als geplant und stehen dumm herum. In der Ferne blockieren drei Optimus Crime Wasserwerfer die Route und die Polizei ist nervös. Wir wissen nicht, dass die Verzögerung an der Vermummung liegt. Aber mir fällt auf, dass immer mehr der Leute in Schwarz ihre Gesichter auspacken. Die sind sowieso sehr ruhig. Sie wissen, dass die Polizei sie nicht laufen lassen wird, aber sie spielen das Spiel mit. Das wirkt relativ souverän.

Später hören wir von einem Flaschenwurf eines besoffenen Idioten von der Promenade. Als der Berliner BePol Trupp unter massivem Einsatz von Gas und Knüppeln in die Menge rein rauscht und die Omi vor mir schlagartig um mehrere Meter versetzt, haben wir davon aber noch keine Ahnung. Für uns – wie alle – kommt der Angriff völlig überraschend. Es entsteht Panik. Leute versuchen, den Knüppelschlägen auf die Promenade zu entkommen. Leute auf der Promenade wollen helfen. Beide Gruppen kriegen satt Pfeffer. Ich habe ein unverschämtes Schwein, die Welle rauscht an mir vorbei und ich kann dem Wahnsinn und den Gaswolken in einem Hinterhof entgehen. Gleiches gilt für die (jetzt wieder) Vermummten – die sind größtenteils offenbar top trainiert und ruck zuck über’n Zaun, von wo aus sie das beginnen, wofür sie wohl gekommen sind. Es bleibt trotzdem eine Reaktion, keine Aktion, und das Pfeffergas schlucken erst mal die Falschen.

Ich lande in einer Tiefgarage ohne Ausgang und kann Gas und Schlägen doch ein zweites Mal knapp entgehen. Erstmal. Die Cops machen Jagd auf alles, was zwei Beine hat. Keine Übertreibung. Gar keine Übertreibungen in den drei Texten zu diesem Thema. Es ist lange noch nicht vorbei.

An diesem Tag sehe ich zum ersten Mal Menschen, denen ich niemals im Leben zugetraut hätte, dass sie Flaschen und Steine auf Polizisten werfen. Buchstäblich verletzt, enttäuscht, wütend auf die Polizei. Ganz scheißnormale Menschen, die sich schlagartig radikalisiert haben.

Und jetzt alle zusammen im Chor: „DANKE DUDDE!!“

Disclaimer: Warum ich mir das gebe? Weil ich keine Lust habe, mir alles erzählen zu lassen – ich erlebe lieber. Weil ich schon zu oft erlebt habe, dass sich Berichte über solche Veranstaltungen – und besonders die in den Medien viel zitierten Pressemitteilungen der Polizei – einfach nicht mit der Wahrheit decken. Ich möchte mir die Wahrheit gerne da angucken, wo sie passiert. Inklusive dem Dreck, dem Gestank, dem Risiko, dem Kopffick. An diesem Wochenende war es glücklicherweise nur sehr schwer zu übersehen, was für eine Scheiße OlafGroteDudde da verzapft haben. Du hast eventuell davon gelesen.

 

G20 Hamburg Schanzenviertel – Photo credit: dustin.hackert via Visual hunt / CC BY-NC

7.7.2017 – G20 Schanzenviertel

7.7., kurz vor 20 Uhr … T., A., S. und ich stehen in der Susannenstraße im Schanzenviertel und bewachen Ts. Haustür/Wohnung, vor der sich ein internationaler Verbund aus Profichaoten (Champions League) mit der Bundesliga der deutschen Polizeikräfte prügelt. T. wohnt im ersten Stock und ist dementsprechend nervös, seiner Freundin geht es nicht besser. Wir blockieren den Eingang zum Haus und passen auf, dass keiner reinkommt. Es geht hin und her, Susannenstraße rauf und runter.

Im Moment steht die Polizei gerade wieder auf der Kreuzung Schulterblatt, und die vermummten Idioten haben sich samt ihrer bekloppten Unterstützer (Demotouristen, besoffen motivierte Schaulustige und Plastikgangster, etc.) vorübergehend in die Bartelsstraße zurückgezogen. Sie sind dabei, der versammelten Polizeikraft mächtig in den Arsch zu treten, und sie wissen es. Beide Seiten wissen es. Eigentlich wussten wir es alle. Mit dem Gipfel kommen die Hochleistungskrawalle in die Stadt. Abgesehen von den abgelegeneren Veranstaltungen war das noch nie anders. Aber man muss sich das ja unbedingt in die Stadt holen und sich der Utopie hingeben, dass ein versierter Rechtsbrecher wie Hartmut Dudde schon sein verstörend lächelndes Psychogesicht dafür hinhalten wird. Ein reiner Hafengeburtstag.

Links knallt es. Kein Vogelschreck, eher ein kleiner Chinaböller. Nicht laut genug für ein Erschrecken bei mir, aber haha, die jungen Frauen laufen alle. Von so einem lütten Bums. Haja, egal.

Wenige Minuten später rast eine Wanne in die Susannenstraße. Pedal to the metal, mit 60 Sachen rein da. Vollbremsung auf Höhe Rosenhofstraße. 3, 4 BFEler steigen aus. Das Ganze ist etwas zu weit weg, als dass es mich wirklich kümmert, aber S. kommt nicht auf die Geschwindigkeit des Wagens klar und guckt genauer hin.

„Die sammeln da jemanden ein.“

Die Wanne verschwindet ungefähr so schnell, wie sie gekommen ist.

Minuten später fragt mich jemand, ob ich bestätigen kann, dass ein Zivilpolizst an der nächsten Straßenecke scharf geschossen hat. Statt mir bestätigt es die Hamburger Polizei auf Twitter. DAS ist übrigens die wirklich schnelle Einheit bei der Hamburger Polizei, ungeachtet des Inhalts. Die Rede ist von einem durch den Zivilpolizisten vereitelten Raubüberfall, bzw. der Vereitelung des Lynchmobs, der Räuber hat sich offenbar mit der frischen Beute auf’s Maul gelegt. Später taucht ein Video auf, das auch keinen schlauer macht.

T. und A. überzeugen einen durchgedrehten Hippie, keine weiteren Mülltonnen für das Feuer auf der Kreuzung zu klauen. Wir beschimpfen noch ein bisschen die Chaoten, drohen kleinen vermummten Gestalten Schläge an und rauchen sehr viele Zigaretten.

Auf keinem Balkon jemanden erschossen.
Gut.

Polizei mit hilfloser Person – G20 – Photo credit: Robert Anders via Visualhunt / CC BY

8.7.2017 Pferdemarkt – wer hier Angst verbreitet? Die Polizei!

8.7., 23:57 … Ich stehe mit Freunden in der Feldstraße, ein gutes Stück weg von der Straße, vor einer Bar. Der Pferdemarkt ist ca. 80m entfernt, dort mischen gerade ein paar Hundertschaften eine Menge auf, die aus Anwohnern und den Resten der sehr friedlichen und tollen Großdemo (knapp 100.000 Teilnehmer) besteht.

Auf der Straße vor uns, ca. 10 Meter entfernt, stehen endlose Reihen Polizeiwannen, aus denen nicht all zu lang davor Robocops am Fließband Richtung Pferdemarkt gegangen sind – auch die GSG9, die hinter der Rindermarkthalle von den zwei Puma Hubschraubern abgesetzt wurde, hat zu diesem Zeitpunkt bereits kurz Präsenz auf dem Pferdemarkt gehabt. Nun rennt ein BFE Trupp martialisch brüllend durch die Reihen der eng parkenden parkenden Polizeiwagen. Vor unserer Nase. Wie gesagt: der Pferdemarkt ist noch eine knappe Spielfeldlänge entfernt.

Aber die rennen und brüllen schon, obwohl keiner vor ihrer Nase ist, den das beeindrucken könnte. Beeindruckt sind wir auch nicht, wir wundern uns nur sehr. Einen Typen aus der Einheit verschlägt der Sprint allerdings auf den Bürgersteig. Fünf Meter vor uns. Auch er brüllt irgendeinen „HAAAAA!“-Laut, aber es klingt nicht überzeugt. Doch er gibt ordentlich Gas und lässt den Schlagstock rotieren. Als er an einem Pärchen, das vor der nächsten Kneipe steht, vorbei rennt, trifft er die Frau. Wie und womit kann ich nicht sagen, aber sie hat ihn definitiv nicht kommen sehen.

Der Trupp kam halt aus dem Nichts und rannte volle Pulle. Sie hat auf jeden Fall genug abbekommen, dass sie länger von Sanitätern, die glücklicherweise sofort da sind, behandelt werden muss.

Während die Sanitäter die Frau verarzten, gesellen sich zwei schwarzbehelmte, vermummte Polizisten dazu. Der Junge ist sichtlich angefressen und bittet die Polizisten, wieder weg zu gehen. Mehrfach. Einer der Beamten versteht die Welt nicht mehr:

„Aber wir wollen euch doch nur schützen!“

Ich kann nicht mehr. Ich habe in den letzten Tagen zu viele grundfalsche Aktionen gegen die falschen Leute, und absolut ungenügenden Einsatz im Hauptkampf von der Exekutive gesehen. „VOR WEM DENN?!“ fahre ich ihn an. „IHR SEID DIE EINZIGEN, DIE HIER LEUTE UMKLATSCHEN! GUCK DIR DAS DOCH AN! VON HINTEN UMGEHACKT, GEHT’S NOCH?!“

Er kommt zu mir, und er ist nicht glücklich. „WAR ICH DAS ETWA?!“ blafft er zurück. Vermummt, behelmt, keine Nummer, kein Name.

Woher soll ich das wissen? Soll ich ihm das so sagen? Natürlich fällt es mir nicht rechtzeitig ein. Ich beschwichtige ihn, er möge es nicht persönlich nehmen, aber es könne doch nicht sein, dass so etwas passiert. Ich kann seine Stimme deuten. Er ist genau so entsetzt wie ich.

Der Kneipenbesitzer kackt uns (mich) an, ich solle so eine Scheiße nicht vor seinem Laden machen. Der Polizist geht zurück zu der Wanne, die er zu bewachen hat. Die Frau wird immer noch behandelt, und es wird noch eine Weile dauern.

Alles wird noch eine Weile dauern. Wahrscheinlich auch der Hubschrauber, den ich immer noch hören kann – um 03:55 Uhr am Morgen.

 

 

 

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