Eigenlob stinkt, lieber Stefan Orth (et al)

Moin Stefan,

Euer Interview im Hamburger Abendblatt hat mich ein wenig ratlos zurück gelassen. Wem gegenüber wollt ihr denn diese Legenden-Beweihräucherung durchziehen?, etwa uns gegenüber, den Mitgliedern des FC St. Pauli und seinen Fans? Das geht aber schlimm nach hinten los:

Eine letzte Fundamentalkritik, ihr habt sie euch verdient

Kommunikation:

Orth: „(wir) mussten … erst einmal eine neue Diskussionskultur im Verein schaffen. Wir mussten mal wieder miteinander reden, um Vertrauen in den einzelnen Gremien und Abteilungen zu gewinnen“

Ich sitze zwar in keinem Gremium, auch gehöre ich nicht zum etablierten Teil der Aktiven Fanszene, aber das, was sich in den Sozialromantikerprotesten manifestierte, ist letztlich Ergebnis eurer Art zu kommunizieren: nämlich gar nicht oder paternalistisch und formal.

Ich glaubte sicher, dass ihr aus der Zeit, als der Jolly Rouge am Millerntor wehte, gelernt habt – bei Tjark und Gernot bin ich mir fast sicher, bei Bernd-Georg vermute ich das, aber bei Dir Stefan, lese ich aus diesen Zeilen, dass Dein Selbstbild nach wie vor mit dem aneinanderstösst, was ich wahrnehme.

jolly rouge - notausstieg

Entscheidungsreife:

Sorry Leute, das Entstehen des 1910 e.V. Und die Entscheidung, dass der FC St. Pauli eine externe Domwache anstrebt, musste euch regelrecht angedroht werden. Viel zu spät und auch noch schmerzlich ungeschickt, habt ihr in diese Richtung agiert. Von Führung kann man da schwerlich sprechen, eher von später Einsicht – und das wäre noch sehr wohlwollend formuliert.

Sportlicher Umbruch:

Die Schmerzen und Herausforderungen, die mit dem Umbruch und dem Abschied von der Aufstiegsmannschaft einhergingen, habt ihr mindestens durch zwei Dinge unnötig verstärkt: Durch die Vorgabe in kürzester Zeit unter den Top 25 der deutschen Profimannschaften zu sein, habt ihr euch und unsere Boys in Brown unter einen Druck gesetzt, der nicht Not tat. In Kombination mit den schrägen Personalentscheidungen um Andre Schubert und Helmut Schulte, habt ihr die Verunsicherung erst komplett gemacht und den sportlichen Umbau um ein Jahr verzögert.

Das ist wahrlich kein Meisterstück gewesen. Wenn ich dann auch noch vermuten muss, dass ihr nun, wo Rachid Azzouzi endlich seinen Kader zusammen hat, auch noch daran herumwirkt, dass mit Stani wieder alles durcheinander gewürfelt werden könnte, dann bin ich saufroh, dass nu andere entscheiden.

Bruns and Ebbers celebrating Naki Style, Foto: Stefan Groenveld
Bruns and Ebbers celebrating Naki Style,
Foto: Stefan Groenveld

Aufsichtsrat:

Aber jetzt wollen wir ein „linksalternatives, kreatives Fan-Präsidium und keine Unternehmer mehr“ haben.

… zitiert Orth angeblich den Aufsichtsrat. Merkwürdig, dass mit Oke Göttlich ein gestandener Unternehmer am Ruder stehen soll, und auch seine designierten Vizes eher durch Sachverstand und ein beruflich konservatives Profil auffallen. Die Polemik mit dem „Präsidium als Politbüro“ finde ich aber so toll, Stefan, dass ich hiermit schon mal Titelschutz für „Neues aus dem Politbüro“ anmelde ;)

Ach ja:

Stefan Orth: Auch ganz spontan: 11. Februar 2011, 1:0-Sieg beim HSV.

Derbysiegertag ist der 16. Februar!

Ich wünsche euch persönlich alles Gute, würde mit jedem von euch jederzeit ein Bier trinken, hatte aber gerade das tiefe Bedürfnis, eurem Heiligenschein ein paar freundschaftliche Kratzer zu verpassen.

Denn hier strahlt nur einer, St. Pauli und sonst keiner ;)

Fotos: Stefan Groenveld, und eigene

Weiterlesen:

24 Antworten

  • Beleidigte Leberwürste! Den 17. Tabellenplatz in der BL. 2 haben sie bei ihrer Erfolgsstory vergessen. Aber geht es bei Stefan um Fussball? Sie versuchen Unsicherheit zu schüren in der Öffentlichkeit und bei Partnern, Banken und Sponsoren. Die Nachfolger sind alles kommunistische Pleitiers, oder was? Was für ein Bullshit. Das ist Spalterei und der Verein braucht das Gegenteil. Integration. Hoffentlich ist bald der 16.11. damit der Spuk ein Ende hat.,

  • mit Blick auf die Tabelle dem Manager so zu feiern ist schon bemerkenswert.
    3 Trainer später…
    würde mich jedenfalls riesig freuen wenn mit Stani endlich ein Sehender auf die Brücke käme

  • Danke Erik, gut auf den Punkt gebracht.
    Und Mirko, klar gab’s auch gute Seiten aber ehrlich dieses sich selbst abfeiern tut wirklich nicht not, weshalb das aufgeführte von Erik für mich kein nachtreten ist, sondern eine Reaktion darauf die ausgesprochen werden sollte.
    Denn auch wenn es ehrenamtlich ist, es sollte immer um den Verein gehen und nicht um Personen.

    • Ich habe keine Lust auf Onlinediskussionen. Die gehen immer schief. Nur soviel: Kritik am Präsidium? Berechtigt. Das Problem ist aber gelöst. Sie sind weg. Warum nun noch nachtreten? Die sind in zwei Wochen weg. Lassen wir ihnen ihren respektvollen Abgang. Den haben sie sich verdient. Immerhin war neben vielem schlechten auch sehr vieles gut.

      – Fehler? Ja, aber eben auch Lernkurven. Vieles wurde korrigiert. Das ist bei WEITEM nicht selbstverständlich
      – Über das wirtschaftliche muss man wohl nicht streiten.
      – Das Stadion ist fast fertig und seriös durchfinanziert
      – Viel positiv Soziales wie Kiezhelden, Regenbogenflagge, Fanräume ohne Einmischung, Einlenken in der Domwache (was übrigens Corny vebockt hatte), Gestaltung der GG, Kein Fussball den Faschisten, Reaktion Schweinske-Cup etc. Vieles eben ohne „Drohung“ der Fanszene. IGremienarbeit mit Politik ist Kompromissarbeit. Und da sehe ich mehr Licht als Schatten. Im Gegensatz zu den eigenen Vorgängern oder Präsidien anderer Vereine ist das okay. Nicht ideal, aber auch kein Grund sie vom Hof zu jagen.
      – Sportlich. Ja, da gings hoch und nieder. Aber der Neuaufbau nach einer sog. Heldengeneration ist nicht einfach. Frag mal beim mehrfachen dt. Meister und CL-Finalisten BVB nach. Jetzt gerade!

      Es war vieles problematisch, aber die waren erfolgreich. Ich finde den Neuafbau völlig richtig und finde auch die Wahl von Oke Göttlich richtig. Aber wenn sich Menschen, die für den Verein viel geopfert haben zwei Wochen vor Ende mal selber loben, dann muss man nicht nachtreten. Lass sie doch. War doch ne gute Phase. Konsolidierung und Ruhe nach drohender Selbstauflösung vor genau 10 Jahren. Es haperte hier und da an der Kür. Manchmal sogar gewaltig. Aber die Gesamtbilanz ist gut und wirtschaftlich sogar sensationell.

      Nun habe ich doch wohl ne Diskussion vom Zaun gebrochen… ;-)

    • Es wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, denen einen würdigen Abschied zu vermasseln, wenn sie nicht versucht hätten, durch Parolen vom „linksalternativen Politbüro“ versus Unternehmertum ihre Nachfolger zu beschädigen. Und da muss man schon aus Gründen des Vereinswohl gegen halten.

  • danke für deinen blogbeitrag, dem man durchaus noch dinge hätte hinzufügen können. das scheidende präsidium hätte diesen selbstbeweihräucherungsquatsch echt nicht nötig gehabt…

    https://www.sl-store.eu/images/produkte/i20/20683-4701-033-A.jpg

  • Achja, der Derbysieg, liebe Kinder, der war natürlich am 16.2. und nicht am 11. ;) „Stefan Orth: Auch ganz spontan: 11. Februar 2011, 1:0-Sieg beim HSV.“

  • Alles gut und schön und toller Text, aber das hier hat mich mit Abstand am Meisten geärgert:
    „Stefan Orth: Auch ganz spontan: 11. Februar 2011, 1:0-Sieg beim HSV.“
    11. Februar??

Kommentarfunktion geschlossen