Lesen ohne Littmann – Lesetage ohne Atomstrom in der Roten Flora ohne Corny Littmann

Mehr Aufmerksamkeit hätte die Woche Lesen ohne Atomstrom kaum bekommen können. Seit dem Streit zwischen Corny Littmann und dem Plenum der Roten Flora, das den Theatermacher aus Sankt Pauli explizit ausgeladen hatte, und der nun in Hamburger Medien den Disput über St. Paulis Gentrifizierung eine Runde weiter dreht, ist die Protestveranstaltung gegen die Vattenfall Lesetage Stadtgespräch. Das ist gut.

Ich persönlich halte ein Auftrittsverbot nicht für das geeignete Mittel der politischen Auseinandersetzung, weiß aber auch um die vielen Kritiker, die sich Corny Littmann auf St. Pauli gemacht hat, nicht zuletzt in der Fanschaft des FCSP.

So wirft Corny Littmann den Rotfloristen auch polemisch Nazimethoden vor, diese wiederum beantworten Littmanns mediale Gegenwehr mit einer Offenen Antwort.

St. Pauli NU dokumentiert hier beide Offene Briefe:

Corny Littmann hat der Roten Flora eine diktatorische Praxis vorgeworfen, die „böse Erinnerungen weckt“, weil das Plenum des besetzten Gebäudes im Hamburger Schanzenviertel dem Chef des Schmidt-Theaters und früheren Präsidenten des FC St. Pauli ein Bühnenverbot erteilt hat. Corny Littmann sollte ursprünglich am 24. April die Lesung einer Rio-Reiser-Biografie musikalisch begleiten – bei der Veranstaltung „Lesen ohne Atomstrom“, die sich gegen die vom Stromkonzern gesponserten „Vattenfall-Lesetage“ richtet. Das Flora-Plenum will Littmann wegen dessen umstrittener Rolle als GF der Spielbudenplatz-Gesellschaft u.a. nicht auftreten lassen.

Offener Brief von Corny Littmann

„Tatsache und Begründung dieses Auftrittsverbots sind mehr als bemerkenswert: Ich stehe seit über 35 Jahren als offen schwuler Künstler national und international auf Bühnen, ein Auftrittsverbot ist mir in all diesen Jahren nie erteilt worden, wohl hat es in all den Jahren von einzelnen Veranstaltern den (stets vergeblichen) Versuch gegeben, einzelne Passagen zu zensieren. Mit Rio Reiser verbindet mich nicht nur eine intensive künstlerische Zusammenarbeit in den ersten Jahren meiner Bühnentätigkeit, sondern auch eine langjährige persönliche Freundschaft bis zu seinem Tod. Grund für mich, der Einladung für die Veranstaltung zuzusagen.

Der Entertainer und Theaterbesitzer Corny Littmann schaut am 10.09.2012 durch den roten Theatervorhang auf der Bühne vom Schmidt Theater in Hamburg. © dpa-Bildfunk Fotograf: Marcus Brandt Detailansicht des Bildes Entertainer und Theaterbesitzer Corny Littmann wird nicht teilnehmen, er erhielt ein Auftrittsverbot. Offensichtlich ist euch nicht bewusst, wer in der Welt und in der Vergangenheit die Waffe des Auftrittsverbots gegen demokratische Künstler, und dazu zähle ich mich in aller Deutlichkeit, anwendet und angewendet hat. Einen Künstler mundtot machen, ihm Auftrittsverbot zu erteilen, das ist keine Lappalie, das ist heute noch gängige Praxis in Diktaturen und das war ein Herrschaftsinstrument der Nazis. Wie sich ein gegen mich gerichtetes Auftrittsverbot mit euren hehren antifaschistischen Ansprüchen verträgt, wie ihr Freiheit der Kunst definiert, das würde ich zu gerne erfahren. Und das interessiert auch – garantiere ich euch – viele meiner Kolleginnen und Kollegen.

Das Auftrittsverbot wird noch abenteuerlicher, wenn man sich eure Begründung anschaut: Ohne einen einzigen Beleg behauptet ihr, ich sei entscheidend an der Gentrifizierung St. Paulis beteiligt. Eine infame, abenteuerliche Behauptung, die jeder Grundlage entbehrt. Das Wort dafür heißt Diffamierung. Ich sei federführend an der Teilprivatisierung des Spielbudenplatzes und der damit einhergehenden Vertreibungspolitik beteiligt gewesen. Am ersten Halbsatz stimmt zumindest so viel, dass ich als ein Gesellschafter der Spielbudenplatzbetreiber GmbH mit dafür gesorgt habe, dass die anliegenden Betriebe des Spielbudenplatzes die Bespielung des Platzes betreiben und verantworten und nicht das Bezirksamt Hamburg-Mitte darüber verfügt. Das tun der von uns beschäftigte Platzmanager und seine Mannschaft schon seit Jahren und wie ich finde sehr erfolgreich für den Stadtteil. Aber das möge jeder selber entscheiden.

Die von euch behauptete „damit einhergehende Vertreibungspolitik“ ist ja wohl eine Lachnummer aus dem Comedy-Repertoire der Roten Flora. Wer ist denn bitte sehr vertrieben worden? Vom Platz? Kennt ihr noch die Sandwüste aus den 90er-Jahren? Oder tragen Wochen- und Weihnachtsmarkt zur Vertreibung bei? Sorry, aber ich habe den Eindruck, dass die meisten von euch den Spielbudenplatz in seiner jetzigen Form gar nicht kennen, sonst könntet ihr nicht so einen Schwachsinn behaupten.

Und auch eure letzte Behauptung, ich klüngele mit der Bayrischen Hausbau GmbH, ist nichts als Blödsinn. Tatsache ist, dass wir zwei Mal Räumlichkeiten im Schmidt Theater und im Tivoli für eine Veranstaltung des Eigentümers Bayrische Hausbau GmbH und Mietern der Esso-Häuser zur Verfügung gestellt haben, um den direkten Dialog zu ermöglichen. Davon abgesehen hat eine gleiche Veranstaltung auch schon in den Räumlichkeiten des FC St. Pauli stattgefunden. Gerät damit der Verein auch unter Kungelei-Verdacht? Im Ernst: Eine solche Veranstaltung durch die Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten überhaupt zu ermöglichen, soll „Kungelei“ sein? Mal sehen, wer das außer euch noch glaubt.

Was bleibt: ein Auftrittsverbot, das böse Erinnerungen weckt, gepaart mit einer geradezu abenteuerlichen Begründung. Und meine Hoffnung, dass ihr weder in dieser Stadt, noch in diesem Land jemals das Sagen habt!“

Corny Littmann, 10. April 2013
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Indymedia.

Weiterhin: Keine Bühne für Corny Littmann in der Roten Flora –
Antwort auf den offenen Brief von C. Littmann

Wir haben kein Problem mit dem Künstler, sondern mit dem Unternehmer Cornelius Littmann – und wer uns kennt sollte wissen, dass uns seine sexuelle Orientierung herzlich egal ist.

Herr Littmann vergreift sich im Ton. Er reagiert persönlich beleidigt auf einen rein politischen Dissenz. Herr Littmann verfügt über eigene Bühnen und offensichtlich hat er auch keine Schwierigkeiten mit seinen Ansichten und Befindlichkeiten Raum in den Hamburger Medien zu bekommen. Aufgrund seiner geschäftlichen und lokalpolitischen Tätigkeit auf St. Pauli und dem damit auftretenden politischen Widerspruch, wollen wir ihm nicht auch noch unsere Bühne zur Verfügung stellen. Von Mundtotmachen kann also keine Rede sein. Daraus konstruiert er krude und ahistorische Nazianalogien.

Zum eigentlichen Kern: Aufgrund der Teilprivatisierung des Spielbudenplatzes sind z.B. politische Versammlungen nicht auf Basis des Versammlungsgesetzes anmeldbar, sondern von der Gnade der Pächter abhängig. Die Dank Vattenfall(!) auf dem Spielbudenplatz errichteten Bühnen wurden 2007 mit einer Sprinkleranlage ausgestattet. Diese sollte durch regelmäßige Berieselung „randständige Personen“ vertreiben. Abgebaut wurde diese baulich automatisierte Vertreibungseinrichtung nicht etwa aufgrund der Einsicht der Betreibergesellschaft oder Herrn Littmanns, sondern aufgrund handfester Empörung der Öffentlichkeit. Mittlerweile erledigen Wachschutzunternehmen diesen Job.

Zu der Kungelei mit der Bayrischen Hausbau: Aufgrund der Intervention von Stadtteilinitiativen hat der FC St. Pauli der Bayrischen Hausbau keine Räumlichkeiten mehr zur Verfügung gestellt. Daraufhin hat C. Littmann dem Investor durch Bereitstellung eines Versammlungsraumes ausgeholfen. Zudem ist C. Littmann mehr als einmal mit konkreten Umgestaltungsvorschlägen der ESSO-Häuser an die Öffentlichkeit getreten. Anders als vielleicht Herrn Littmann auf St. Pauli, in Hamburg und anderswo, ist uns gar nicht danach, „in der Stadt das Sagen zu haben“, denn unsere Utopien sind ganz im Gegenteil zu den seinigen die einer selbstbestimmten, emanzipatorischen Gesellschaft.

Plenum der Roten Flora