Nu auch HH-mittendrin: Blog-Sterben auf St. Pauli

Das Blogsterben auf St. Pauli geht weiter: nu meldet auch HH-mittendrin, das vor allem durch seine alternative und umfassende Berichterstattung zu den #Gefahrengebieten bekannt wurde, seine Schließung an:

Leider haben wir uns dazu entschieden HH-Mittendrin nicht mehr weiter fortzusetzen. Das hat vor allem einen Grund: Wir können den redaktionellen Betrieb nicht länger finanzieren.

Mit der Überschrift „Hello, Goodbye“ verabschiedete sich dieses Frühjahr bereits das vom Hamburger Abendblatt vor zwei Jahren gestartete Blog „St. Pauli News“ vom digitalen Regelbetrieb: mit dem vorerst letzten Posting erklären die Bloggerinnen, dass die Zukunft ihres Blogs vor allem wegen der schwierigen Vermarktung ungewiss ist – ein Problem, das nicht nur digitale Verlagsprodukte haben. Auch von anderen Blogs im Viertel, wie dem von mir sehr geschätzten Team um das Redakteursprojekt „HH-mittendrin“, hört man, dass die finanzielle Gegenwart nicht rosig aussieht.

Sind Stadtteil-Blogs einfach nicht finanzierbar?

Letztes Jahr hat es unseren Nachbarn Altona.info getroffen, nach mehr als sechs Jahren erfolgreichen Bloggens gab auch dieses Stadtteilmagazin (vorerst) auf. Da stellt sich die Frage, die mich auch direkt betrifft, ob Stadtteil-Blogs überhaupt refinanzierbar sind, wenn schon ein Verlag, wie das Hamburger Abendblatt mit seinem starken Vermarktungsarm kapituliert?

Die Antwort ist auf jeden Fall vielschichtig. Als sicher gilt mir, dass ein Modell, wie man es bei Internetportalen kennt, die Reichweite über Online-Anzeigen zu versilbern wegen der dafür benötigten riesigen Reichweite nicht in Frage kommt. Leider funktionieren noch viele Vermarktungsabteilungen in Medienhäusern primär nach diesem Modell. So ist es dann kein Wunder, dass sich Stadtteilblogs nur durch Selbstausbeutung tragen und auf die Dauer zum selbst tragenden Hobby werden, wenn man lang genug durchhält.

Blogger und Redakteure sind keine Klinkenputzer, leider

Als mögliche Refinanzierungsstrategien erscheinen mir nur solche sinnvoll, die für mutmaßliche Werbetreibende einen hohen Wert haben, also hochpreisig sein dürfen: Stadtteil-spezifische Einträge, wie Hotel-, Restaurant und Theaterkritiken, die teilweise gesponsert werden. Hier fehlt aber immer noch, wie ich wahrnehme – und ich treibe mich in dieser Branche auch schon seit 20 Jahren herum – das Wissen auf Kundenseite über passende Angebote. Da wird immer noch fröhlich im „Wochenblatt“ annonciert, vielleicht mal Adwords ausprobiert, statt sich fokussiert um das Erreichen der digitalen Kundschaft in der Nachbarschaft in Blogs und deren Social Media Pages zu kümmern.

Da ist noch viel Aufklärung nötig, die ein Blog alleine gar nicht bewältigen kann.

Gemeinsame Blogvermarktung denkbar?

Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, ob man die Blogs rund um Hamburgs Mitte nicht gemeinsam vermarkten sollte – und wie man das organiseren kann. Vielleicht stellt die Krise nu eine Chance dar, genau darüber zu sprechen.

Werbung?, Sponsoring?, Pfui-Bäh

Ergänzt oder teilweise ersetzt werden könnte ein Vermarktungsansatz durch ein Crowdfunding Konzept á la Krautreporter, das HH mittendrin ja schon probiert und auch beim Tod des HSV Blogs „Matz ab“ als letzte Rettung versucht wurde. Mit einem Genossenschaftsmodell könnte man hier ein St. Pauli Blog-Abo organisieren, das mehreren Bloggern Brot und Einkommen brächte, ohne dass die so attraktive Werbefreiheit aufgegeben werden müsste. Ob dieses Modell für Verlagsblogs sich eignet, wäre noch mal zu diskutieren.

Neigt sich dann noch die Diskussion um die Kulturflatrate in die richtige Richtung, nämlich nicht Verleger zu unterstützen, sondern Autor_innen und Kultur schaffende, dann könnten sich Blogs schon in naher Zukunft refinanzieren lassen. Alles, was benötigt wird, liegt auf der Straße – wir benötigen eigentlich nun einen Ruck, um uns gemeinsam zu organiseren. An fehlenden Themen und Leserinnen, an fehlender Qualität und Nachfrage liegt es imho nicht. Vielleicht an fehlendem Willen auf Verlagsseite und fehlender Ausdauer auf Bloggerseite; einen Versuch aber, einen gemeinsamen, wäre es sicher wert.

Offenlegung: Der Autor ist Medienberater und Autor des ZEIT Online Blog „Speersort1“. Er bloggt professionell und entwickelt für Medien und Agenturen Kommunikationsformate und digitale Produkte. Seinem Ziel, seinen Blog so zu vermarkten, dass er davon leben kann, ist er viele kleine Schritte näher gekommen, aber noch lange nicht am Ziel. ;)

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