Biometrische Bierbecher – Fußball als sicherheitspolitisches Labor

23.4.2011 – Hamburg St. Pauli

Mehr als drei Wochen sind vergangen, seit am Millerntor an einem Freitagabend das Wort „Anschlag“ sich in den Medientenor eingenistet hat, wenn vom deutschen Fussballfan und speziell vom St. Paulianer die Rede ist.

Das Spiel gegen Werder Bremen findet dennoch statt, unter außergewöhnlichen Sicherheitsbedingungen. 20.000 Polizisten sind zur Sicherheit der Bremer Fans, der Spieler und ihrer Schiedsrichter angetreten, St. Pauli, Dank des Ahlhauschen Verfassungsbeugungsgesetzes, zur Grundrechtsfreien Zone erklärt. Schnellrichter sitzen behelfsmäßig in den Ü-Wagen des Pay-TV-Senders sky, alle Nachrichtensender berichten live.

„Einen hinterlistigen Anschlag auf die freiheitliche Grundordnung unserer Fussballnation“ hatte das Leo Fuffziger genannt, neuer Innenminister Sport (CSU), nachdem bekannt wurde, dass der inzwischen identifizierte Becherwerfer Stefan H. zuvor in einem Trainingslager der Commerzbank an der Müritz (Golf-Resort) nahe der immer noch stark umkämpften Hafenstadt Rostock, ausgebildet wurde. „Diese Menschen kennen kein Pardon“, ärgert sich Gregor Gysi bei einer Geburtstagsfeier im Ballsaal am 20. April, „diesem Terror muss man den Boden entziehen, auch wenn es allen wehtut“.

Die gesamte Haupttribüne wird gesperrt, alle Inhaber von Sitzplätzen und Business Seats werden mit neuen biometrischen Eintrittskarten polizeilich erfasst, um solche Anschläge, die am 1. April fast zeitgleich in Hamburg und Graz auf Vertreter der Vereinten Unparteiischen verübt worden waren, zukünftig zu verhindern. Das sind längst keine Einzeltäter mehr, erklärt Sven B., Sicherheitsbeauftragter der DFL. Sie nennen sich selbst „Sponsoren“, und fallen marodierend und stöhnend in alle Stadien ein – „das ist kein Hamburger Phänomen“, erklärt Uli Hoeneß diesem Blog. „Die fressen alles leer und wenn der Verein nicht mehr europäisch spielt, dann ziehen sie weiter“.

Die Hamburger Polizei ist vorbereitet. Neben den Schnellgerichten wurden zahllose Schnellrestaurants an der nahen Reeperbahn konfisziert, um die hunderten zu erwartenden Festgenommenen zu versorgen. Das Waffenverbot auf dem Kiez wurde sicherheitshalber auf Babynahrung und Zigarretten ausgeweitet, auch Hunden wurde das Koten untersagt.

Hoffen wir auf ein friedliches Spiel. Die Stimmung dürfte aber ohne die Haupt ohnehin im Mors sein.

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Kommentare 4

  • Noch klingt das nach Satire, und das Verbot von Baynahrung ist wirklich etwas weit hergeholt.