Die unheimliche Allianz der Medien und Politik mit dem „Team Green“

Ein seltsamer Kameradschaftsgeist wird hochgehalten in Deutschlands Polizeirevieren. Und wie kaum einer anderen sozialen Gruppe gelingt es der Polizei, sich in Zweifelsfällen vor der Wahrheitsfindung zu bewahren. Verschworener als Chirurgen und eiserner als Soldaten halten sich Polizisten an das ungeschriebene Gesetz des Schweigens, wenn es in den eigenen Reihen zu Straftaten kommt.
Der Spiegel 1/1999 (!)

Jede_r St. Paulianer_in kennt die Geschichten um den „Polizei-Überfall“ auf das Jolly Roger, oder die berichteten Übergriffe von Beamten beim Derby gegen den hsv oder nach dem Spiel bei Umion Berlin, wo bemerkenswerter Weise Frauen die Opfer waren. Kein Wunder also, dass man als fußballinteressierter Bürger immer skeptischer wird, wenn es um das Thema „Polizei-Gewalt“ geht – und da schließe ich die Anwendung des Gewaltmonopols mit ein. Aus der Polizei, mit rechtsstaatlich übertragender Macht, wird immer häufiger ein Akteur. Das „Team Green“.

Seit dem Artikel im „Sitten-Spiegel“ aus dem Januar 1999, aus dem das Zitat oben stammt, scheint sich also wenig geändert zu haben. Es gibt diese unheimliche Allianz zwischen Polizei und Politik weiterhin, unterstützt von Medien, wobei letzteres in meinen Augen am schmerzlichsten ist.

Oder hat sich doch etwas getan?
Kann man das Naherrücken der Sportjournalisten an die Exekutive erklären?

Eine wichtige Rolle spielen imho alte Reflexe, wenn es bspw. bei Springermedien um die Bewertung von vermeintlich Linken Aktionen geht. In positivem Sinne sind die differenzierten Berichte der taz Ausdruck desselben Rudiments. Die in jeder Hinsicht disqualifizierenden Äußerungen der Hamburger CDU folgen demselben Muster.

Übrig blieb bisher, dass sich Informierte und Involvierte empörten, alle anderen, wie der Medienrezipient des 20. Jahrhunderts zufrieden gaben, mit dem, was ihnen vorgesetzt wurde. Die spannende Frage: Hat sich das durch den Einzug von Social Media in die mediale Kommunikation geändert?

Schon seit 2008 sind meine wichtigsten Quellen für Informationen über den FC St. Pauli keine professionellen. Und dieser Trend ist vom Spezialisten- zu einem Mainstream angeschwollen. Wichtigstes Indiz hierfür scheint mir die Reaktion des FC St. Pauli selbst zu sein, der sich zwei Tage Zeit ließ, um Augenzeugen-Berichte und Aufzeichnungen auch von sozialen Medien (Videos, Twitter-Nachrichten und Blogposts) zu sichten und zu bewerten. Es erscheint mir einigermaßen erstaunlich, dass sich ein Verein öffentlich so differenziert aufstellt. Das kann er nur, weil die handelnden Personen mehr zu begutachten haben, als die offiziellen Statements der Polizei und Medien.

Ich mag keine Prognose abgeben, ob die Sportberichterstattung als nächstes Opfer einer medialen Diversifikation angesehen werden kann, zu einer bedrohten Art gehören sie nach dem Ablösen von Lokal- und Wirtschaftsjournalisten durch Blogger und andere informierte Micro-Publizisten imho auf jeden Fall. Und das mag auch der wichtigste Grund sein, dass sich Journalisten, vor allem die Uninformiertesten von ihnen, so panisch an diese alten Reflexe klammern.

Wir erleben vielleicht gerade, wie sich die Öffentlichkeit eine differenzierte Meinung bildet, während sich weite Teile der Hamburger Innenpolitik und Medien selbst aus diesem Prozess abmelden.

Zum Thema:

„Dahin, wo es weh tut!“

Zum Glück allerdings werden wir alle – sofern „wir“ nach 1960 geboren sind – das Ende dieser Art von so genanntem Journalismus noch erleben: Diejenigen, die Fußballstadien immer nur aus der Perspektive der VIP-Tribünen gesehen haben und dennoch der Meinung sind, dass das Abtippen von Polizeiberichten schon Ausweis ihrer beruflichen Daseinsberechtigung ist, werden ihr blaues Wunder in Zeiten des Internets schon noch erleben: Sport-BILD-Kommentator Hesse wird sicherlich viel Zustimmung für seine Abrechnung mit St. Pauli ernten, fraglich nur von wem. Viele Fußballfans, die sich zwar nicht zum Anhang der Braun-Weißen zählen, dafür aber selbiges bis Drei können, ahnen, dass ihr Verein der nächste sein könnte, der als Oberrandale-Sau durchs mediale Dorf getrieben werden könnte, während die Polizei auch den stümperhaftesten Einsatz kritiklos abbuchen kann. Die Unzufriedenheit mit dem etablierten Sportjournalismus hat bereits zu Alternativen wie den “11 Freunden” und dem “Ballesterer” geführt – und diesen eine große Leserschaft beschert. Es darf gemutmaßt werden, wer Publikationen wie die “Sport-Bild” langfristig lesen wird, aber knapp 15 Prozent Auflageverlust allein in den letzten zwei Jahren lassen ahnen, wohin die Reise gehen könnte.


oder allgemeiner …

Bombay, Twitter und die Journalisten

Weiterlesen:

Kommentare 2

  • http://taz.de/!86664

    Mfg
    antimoch

  • In einem anderen Zusammenhang gesagt, aber imho auch hier zurtreffend:

    „Einem solchen Leser dämmert das Gefühl, dass Medien und Politik in Wahrheit eine Einheit bilden, dass Journalisten alles andere als „Fremde“ sind, wie der amerikanische Reporter Gay Talese sein Ideal beschrieben hat. Mit ihrer Glaubwürdigkeit verlieren die Medien aber die Möglichkeit, ihre Funktion als Kontrolleure der Macht wahrzunehmen.“

    @jakobaugstein:twitter bei @spiegelonline:twitter