„Warum ich hier stehe/sitze“ – Aktionstag der aktiven Fanszene

Sie nennt sich „aktive Fanszene“ und müsste eigentlich unter „organisierte Fanszene“ firmieren, denn mit ihr sind die Organe, Läden und Clubs gemeint, die sich im Laufe der letzten 25 Jahre im Orbit um unseren Verein gebildet und teilweise ein offizielles Schnüffelstück zu Vereinsorganen bilden – nicht immer leicht zu durchschauen. Diese aktive Fanszene, zu der wesentlich auch der Fanclubsprecherrat gehört fragt nu an;

Fanszene des FC St.Pauli veranstaltet Aktionstag

Die Auseinandersetzungen der letzten Monate zwischen der Fanszene und den Verantwortlichen des Vereins haben sich sehr stark mit den Aspekten einer überbordenden Kommerzialisierung beschäftigt und diese Kämpfe sind noch lange nicht beendet, es gilt sie weiterzuführen und Schritt für Schritt das Alleinstellungsmerkmal des FC St. Pauli mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten des Profifußballs abzugleichen und eigene Wege zu finden.
Doch genauso intensiv, wie wir Ansprüche an die Vermarktung unseres geliebten Clubs anlegen, genauso intensiv stellen wir diese Ansprüche auch an uns selbst.

Eine Fanszene, die Werte jenseits des Mainstreams verteidigen will, muss sich auch selber fragen, wie sehr sie diese Werte eigentlich noch lebt und verteidigt. Beides gehört zusammen um selbstbewusst und kämpferisch sagen zu können: „Ich weiß warum ich hier stehe.“

Deshalb haben alle aktiven Gruppen der Fanszene einen Aktionstag zum Heimspiel gegen Stuttgart ausgerufen, an dem wir zeigen wollen, wie sehr wir uns selbst eigentlich noch hinterfragen. Und die zentrale Frage an diesem Tag lautet:

Warum bist du eigentlich bei St. Pauli?

Weil der FC St. Pauli…
…so kultig und anders ist?
Weil die Stimmung am Millerntor so toll ist? Weil hier Faschisten keine Chance haben? Der Punker neben dem Banker steht?
Weil St. Pauli europaweit für seine alternative Fanszene beneidet wird?
Weil hier nicht die üblichen Fußballprolls die Kurven prägen und du dich auch als Frau wohl fühlst? Oder weil es hier immer noch Bier gibt, welches ohne Plastik bezahlt werden kann? Wegen all dieser Dinge? Ja!?

Dann denk mal darüber nach, warum wir so sind. Warum unser gefeierter „Jahr100Verein“ erst seit einem guten Vierteljahrhundert diesen besonderen Ruf genießt. Und wieso ein Haufen braun-weißer Fans damals aktiv wurden und anfingen, einen Gegenpol zum hiesigen Fußball-Mainstream durchzusetzen, trotz aller Widerstände auch hier vor Ort. Die Leute in den 80ern wünschten sich auch nicht viel mehr als ein sozialeres Verhalten untereinander bzw. einen respektvolleren Umgang – neben dem größtmöglichen Spaß beim Fußball gucken, versteht sich. Entgegen manch anderer Meinung schließt sich das zudem auch nicht aus. Und wir sehen das heute immer noch so. Grundsätze, wie das Bekämpfen jeglicher Art von Diskriminierung, fanden ihren Ursprung in der aktiven Fanszene und wurden längst fest in der Stadionordnung und den Leitlinien verankert. Und ist es nicht so, dass auch du nur aufgrund dessen eines Tages mal ans Millerntor gekommen bist? Damals wie heute gilt es, diese Grundsätze zu wahren und jede_n, der/die von sich behauptet St.-Pauli-Fan zu sein, immer wieder daran zu erinnern, was das bedeutet. Greifst du mit deinen Freunden wirklich ein, wenn aus eurem Kurvenumfeld z.B. Gegenspieler rassistisch beleidigt, oder Frauen ganz offensichtlich belästigt werden? Gerade in einer Zeit, wo der Fußball immer mehr zum Massenspektakel verkommt und soziales Engagement kommerziellen Interessen weichen muss, ist es notwendig klar Stellung zu beziehen. Ansonsten wird auch unser Club eines Tages nichts anderes sein als ein weiterer stinknormaler Hamburger Fußball-Verein…

Denk also mal wieder ernsthaft nach über dein Verhalten im Stadion, über deine Wortwahl gegenüber Gästefans oder den Schiedsrichtern, über deinen unverhältnismäßigen Alkoholkonsum oder ähnliche Dinge, die mit dazu beitragen, den Mythos vom „anderen Club“ weiter zu zerstören.

Auch die Vereinsführung und die Mannschaft unterstützen uns an diesem Tag, um mit verschiedenen Mitteln und Aktionen diese Fragen an alle Fans zu richten.

Wir hoffen, dass dadurch ein Denkprozess angestoßen wird, der uns alle noch mehr zusammenführt in einem Anspruch etwas ganz Besonderes leben zu wollen am Millerntor und auswärts in den Arenen dieses Landes. Vor und nach dem Spiel, im Viertel und überall auf der Welt, wo wir als St.-Pauli-Fans leben und diesen Club lieben.

Die aktive Fanszene des FC St. Pauli

via stpauliforum/Fanclubsprecherrat, zuerst gelesen bei metalust

Kommentare 14

  • […] Aktionstag am kommenden Spieltag gegen Stuttgart wirft seine digitalen Schatten voraus. Das Aktionsbündnis […]

  • einerseits fußball, andererseits weil mir niemand sagt wie ich mich benehmen soll und ich auch lange zeit das gefühl hatte, das niemandem sagen zu müssen. weil sich da einfach ein grüppchen gefunden hat das diesbezüglich einen ziemlich großen konsens hatte. seit dieser saison ist das anders, also bei mir jetzt, und somit ist für mich persönlich dieser „aktionstag“ ganz spannend.

  • @momorulez wie gut das ich nicht belehrend unterwegs bin.

    diesen aktionstag werde ich links liegen lassen. die welt muß nicht wissen warum ich zum fc st.pauli gehe.

    ich gehe da hin, also bin ich…oder so ;-)

  • Mir kommt das aktuell auch vor wie ein Schulterschluss der „organisierten Fans“ und der Vereinsführung, die selbst dann, wenn da Personalunionen bestehen, der Sozialromantiker-Aktion in den Rücken fallen.

    Weil in der Tat von Business-Seats und Susis Showbar abgelenkt und der Scheinwerfer von dem Agieren der Geschäftsführung und des Präsidiuums auf individuelles Fanverhalten gerichtet wird – ja, diese Umkehr des Blicks sogar eingefordert wurde.

    Dass das ungefähr dem Duktus Schultes in seinen frühen Verlautbarungen, in denen er sich über Reaktionen von Fans auf volksparkisiertes Verhalten echauffierte und „Toleranz“ einforderte, entspricht, kann doch kein Zufall sein. Oder irre ich?

    Auch die Verlautbarungen von Sprachrohren „aktiver Fans“ hier im Blog neulich, die meinten, man sei erst dann wirklich legitimiert, den „Jolly Rouge“ zu schwenken, wenn man vorher die „Sozialromantiker“ angemailt hat (die sich für mich nicht durch instituionalisierte Mitgliedschaft auszeichneten, sondern ganz im Gegenteil es vermochten, die Desorganisierten zu mobilisieren, und warum sollte ich mich selbst anmailen?) weist in eine ähnliche Richtung.

    Das wirkt ein wenig so, als hätten ein paar Platzhirsche sich a.) von Vereinsoberen einwickeln lassen und b.) Angst um ihre Meinungshoheit.

    Vielleicht irre ich aber auch gräuslich und lasse mich schon morgen mittag eines Besseren belehren. Trotzdem wird mir ganz mulmug, mich unter der Schirmherrschaft ausgerechnet Gernot Stengers über Homophobie belehren zu lassen. Das passiert eh ständig, dass Heten das mir gegenüber versuchen.

  • die fragen die der aktionstag aufwirft stelle ich mir seit 30 jahren. eine antwort habe ich bisher nicht gefunden. ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen das der aktionstag mir da eine hilfe sein kann.

  • Meine absoluten subjektiven quotenrockten Gedanken zu diesem „Mottotag“:

    Ich bin da ma‘ wieder sehr verwirrt ob diesen Aufrufes zu irgend ’nem „Warum? Wieso? Wir! Political Correctness! ….und alle so Yeah!“

    Mal kurz was an Aktion zwischenschieben, mit Vereinsunterstützung, Meinungscheck? (!)

    Vielleicht gibt es ja Gräben, die noch tiefer werden, demaskieren sich „Besserfans“ erneut? Alte Konflikte? Bestehendes Misstrauen gegenüber dem Süd Konzept und denen, die dort auch durch ein erschlichenes Privileg nächste Saison stehen?

    Gibt es ein Forum um sich moderiert und moderat zu beschnuppern? Im Verlauf eines Bundesligaspiels ?

    Taktisch? Soll anstehender Ärger kaschiert werden?

    Fakt ist, das der Aspekt der Selbstdisziplinierung innerhalb der Fanszene wieder mehr aufleben muß. Stehe ich voll dahinter! Jeder kann seinem Nachbarn das „Scheiß Haste Nich gesehen“ Schreien verbal, laut und permanent unter die Nase reiben, aber es wird schon seltener, ob es ein „Schwuchtel“ -Ruf ist, oder Raspo Stellingen diffamiert wird.

    Ich kann nur für mich sprechen und meine Eindrücke aus der Nord zu Grunde legen, Toleranz leben, bis zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr in den Spiegel schauen kann.

    Meinungen und Verhaltensweisen akzeptieren, aber nicht ohne diese zu hinterfragen, bequem und unbequem zu hinterfragen. Das energische penetrante Gegen- Genöle fortsetzten, bis bei einem Fehlverhalten eingelenkt wird, ob falsche Worte oder zuviel Schnaps.
    Verantwortung in der Kurve übernehmen, regulierend im Sinne der Mitbesucher und Fans auf Geraden Tribühnen und Kurven, im Sinne der Leitlinien und der Stadionordnung.
    Für mich als Besucher und Vereinsmitglied eine Selbstverständlichkeit.

    Das bedarf doch aber keinem Aktionstag.

    Und nochmal, die Frage sei erlaubt, wovon soll Mensch abgelenkt werden?
    Was hat das eigentlich alles mit Fussball zu tun? Nichts!

    Was hat das Alles mit dem FC St.Pauli zu tun? Aha! Mit meinem FC St.Pauli eigentlich ALLES!
    Aber für mich eine Selbstverständlichkeit , im Leben, wie um das und im Stadion. Vorüt Brunn Wit!

  • Schön und gut, der Text so weit. Klar müssen wir Fans uns immer wieder hinterfragen, ob wir denn wirklich noch so einzigartig sind.

    2 Fragen von mir:
    1. Wenn es einen Aktionstag geben soll am Sonntag: Welche Aktionen sollen denn da passieren?
    2. Warum wird ein Thema hier nicht weiter angesprochen? Es geht mir darum, dass das Bepöbeln von Gästefans (z.B. an der U-Bahn Feldstr.) immer mehr zunimmt. Wenn wir uns schon hinterfragen, sollten wir uns auch fragen, wie wir mit den Leuten umgehen, die (zum Glück noch in kleinem Rahmen) Krawall suchen.

  • Zum Thema „übermäßiger Alkoholkonsum“ noch mein Lieblingstweet der letzten Tage:

    „Komme ich aus der Kneipe, tritt mir doch so’n Besoffner auf die Hände!“

    :-D

    Von D_B-Cooper

  • Ach, das finde ich ja nun auch übertrieben, Sozial-Nannys – aber man kann die Antisexismus, Antirassismus und Antihomophobie-Frage auch so stellen, dass als Antwort „so bin ich ein guter Mensch“ raus kommt, was Blödsinn ist, da Gegenstand der Kritik nur Strukturen sein können, nicht Charaktermerkmale, und diese PC-Variante vor allem herrlich ohne Frauen, Schwule, Schwarze und Schwarzhaarige auskommt.

    Und man das alles eben ohne die Klassismus-Frage gar nicht sinnvoll diskutieren kann. Und in der Tat kommt man so Stenger doch sehr weit entgegen, der sein „nicht St. Pauli-like“ ja auch im Benimm-Duktus formulierte, und Ökonomie wird mal eben so ausgeklammert. Was ganz interessant ist, weil genau das Problem der Cultural-Studies-PC der 90er war, dass die Zusammenhänge von „Rassen“- und Klassenfrage komplett ausgeblendet wurden und ebenso die Zusammenhänge zwischen der Kleinfamilie als Basis kapitalistischer Ökonomie und Homophobie völlig aus der Diskussion verschwunden ist.

    Ich erahne die Antworten ;-) – falls welche kommen.

  • Zudem wirklich auffällig ist, dass, wenn jemand rassistisch beleidigt werden kann, das der Gegenspieler ist, nicht jedoch der Nachbar in der Kurve. Auch so eine Haupttribünenanekdote: Kaum latscht ein Schwarzer an uns vorbei, fragt jemand „Spielt der bei uns?“. Muss ich mal was drüber schreiben.

    Mal ab vom „unverhältnismäßigen Alkoholkonsum“, stimmt schon ;-) …

    • Ich reagiere da ja ähnlich inzwischen … überlege schon ein Plakat zu entwerfen, wo „Geht Dich gar nix an“ drauf steht – aber dazu braucht s ja erstmal eine Eintrittskarte ;() – je mehr ich darüber nachdenke, desto falscher finde ich diese Frage. Ist das nicht der „Leitlinien“-Diskurs mit anderen Stilmitteln? Unterstützt der Verein das deshalb, weil nun nicht mehr über „seine“ Pflichten gesprochen wird? Und das mit dieser „Benimm“-Attitude? hmm .. … ich fange an mich zu fragen, was das soll? Nach den Sozialromantikern nun die Sozial-Nannys?

  • Die „aktiv/passiv“-Diskussion habe ich mir mal verkniffen, das frage ich mich aber auch seit geraumer Zeit, wie sich dieser Begriff wohl eingebürgert hat … zudem ja auch diese Diskussion:

    http://metalust.wordpress.com/2011/03/02/wirre-gedanken-zur-motivation-hate-speech-zu-unterlassen/

    wieder verhältnismäßig schnell verreckte, weil weiße Heterosexuelle sich angegriffen fühlte(n) und man dann wieder nur über die und deren Befindlichkeiten redet. Im Text oben finden ja die Gefühle von Frauen zum Glück Beachtung.

    „Fussballproll“ hingegen ist auch bürgerliches Distinktionsgerede, rein begrifflich. Ist aber wahrscheinlich wieder ’ne Diskussion für Fortgeschrittene – immer, wenn ich diese Verlautbarungen als selbstreferentielles „Benimm Dich!“ lese, hakt bei mir irgendwas, was ich auch schwierig nur in Worte fassen kann.