Lieber heiß und kalt, als lauwarm (eine merkwürdige Medienkritik)

Gegen Ingolstadt ging es um den Aufstieg. Es folgte das lauwärmste Spiel der Saison. Gegen Fürth ging es um die Magie; und es wurde ein Wechselbad an Rückenschauern.

Man kann die Uhr danach stellen; immer wenn der Hamburger Boulevard den FC St. Pauli hochschreibt, verlieren sie.

Dabei geht es doch auch so schön intensiv ohne diesen doofen Medienreflex, schreibe ich heute in DIE ZEIT online: Kneipp Kur am Millerntor

Vergesst die Ziele! #FCSP

Vergesst die Ziele.

Ich schreibe lieber ’vergessen’, als ’scheißen‘, obwohl ich das so meine: Ganz im Ernst eigentlich.

20:10 Uhr im Bus irgendwo in Ostwestfalen: Ratsche tut die Seite weh, weil ihn den ganzen frühen Abend der eigene Anspruch aus der Bahn gerammt hat. Trybull und Gregoritsch spielen schweigend Playstation, beide mit dem Ziel zu gewinnen. Der Mensch drückt Knöpfe und schon bewegen sich Nullen und Einsen mit filigraner Textur und Sponsorenlogo auf das 3:0 zu. »Das ist doch ganz einfach, wieso gelingt mir das nicht im analogen Spiel?«, fragt sich Buchtmann zwischen seinen weißen Keramikkopfhörern.

Roland Vrabec denkt nach, beinahe verzweifelt er: wie bringe ich die Jungs bis Freitag zurück ins Gleis? Das Gleis nach ’Bundesliga’, der verheißenen Stadt, wo Millionen fließen.

Er hatte sich geweigert, dieses Ziel zu benennen, aber jetzt, da das Hamburger Abendblatt sie wieder zu Aufstiegsaspiranten hoch schrieb, wochenlang, war das nicht mehr möglich; die Jungs taten es ja selbst, vom Ziel träumen. Vom Aufstieg, oder vom Anruf aus Bayern München, oder wenigstens Eintracht Frankfurt (zur Not dem HSV).

Matze Hain schimpft hinten im Bus. Worum es geht höre ich nicht, es freut Roland aber, diese kraftvolle Stimme zu vernehmen.

Als der Mannschaftsbus Bremen hinter sich lässt, entspannt sich auch Roland Vrabec und sieht aus dem Fenster, unter dem noch vor einer Woche ein silbernes ’HSV’ prangte – ’Märchenland’ steht auf einem Schild, das zügig vorüber zieht. Den Rest kann er nicht lesen. Eine Erinnerung schießt ihm in den Kopf, von einem Text aus einem Blog: ’Märchenland’, ’Wünschen’, ’Millerntor’ – Metalust. Genau so hieß der Blog, erinnert er sich. Und von Toren hatte er geträumt nach dem Lesen der Affirmationen, die dort aufgeschrieben waren – für sie, die Mannschaft des FC St. Pauli. Er hatte gehört wie das Millerntor explodierte – richtig gebrüllt hatte das Stadion, fast schmerzhaft anzuhören. Er hatte den sanften Stoß gefühlt, am Rücken, wo der ROAR wummerte. Dort juckte es ihn nun merklich.

»SCHEIß AUF DIE ZIELE«, ruft Roland Vrabec in den stillen Bus, eigentlich schreit er das sogar. Der Gedanke schlug heftig ein, die Erkenntnis fegt dann alle Zweifel fort: »Ich habe mich so drauf konzentriert, das Ziel NICHT zu formulieren. Das konnte ja gar nicht funktionieren«.

Roland Vrabec streicht sich langsam über den Frontzeck und lacht.

»Von nu an gewinnen immer wir«, denkt er und ruft den staunenden Spielern zu: »Scheiß auf das Ergebnis – Es lebe das Erlebnis«. Die ersten schauen verdutzt auf, Florian Kringe nimmt die Kopfhörer ab. Matze Hain lächelt.

Roland kann es kaum erwarten in Hamburg anzukommen; ihm kribbelt es in den Beinen, wie vor einem Kindergeburtstag. Ab heute zählt nur noch das WIE. Zielen unterwirft er sich nicht mehr, schon gar nicht denen anderer.

„Dieses Gefühl müssen wir in jede Begegnung reinnehmen. Auch wenn Dinge während eines Spiels mal nicht funktionieren, müssen wir weiterhin von uns überzeugt sein und eine innere Stärke entwickeln“, das hatte er am Anfang seiner Arbeit hier gesagt; und auch so gemeint.
Bis das Ziel sich davor schob.

Er nimmt sich fest vor, am Freitag mit dem Fahrrad zum Millerntor zu fahren. Um das zu spüren, weswegen er da ist und die, denen er auf dem Weg zum Stadion ins Gesicht schauen wird; er fühlt die Lust am Leben in ihm aufsteigen, die Lust auf St. Pauli.

41 Punkte – war das schon der Klassenerhalt?

Vierzig Punkte reichen nach landläufiger Expertenmeinung zum Klassenerhalt in der Bundesliga. Wenn das auch für die zweite gilt, dann hat der FCSP seit dem heutigen Auswärtssieg gegen Fortuna Düsseldorf mit dem Abstiegskampf nix mehr zu tun und kann sich voll und ganz darauf konzentrieren, den Aufstieg bitte noch zu vermasseln.

Ich möchte nämlich nicht aufsteigen. Wenn schon, dann bitte direkt. Eine Relegation gegen die Busbeschmierer und Rasenverlegerversager halte ich nervlich gar nicht durch. Und ein Gefahrengebiet hatten wir ja nu auch gerade erst.

Lass doch Paderborn und Fürth hoch, dann machen wir uns das mit Freiburg und Bremen (mit Fin Bartels sportlich verbessert) hier gemütlich. Und mit Braunschweig ist auch ein fieser Gegner wieder mit von der Partie (da braucht der hsv nicht ab und Hansa nicht aufzusteigen).

Nu da das alles geklärt ist, können wir uns gemütlich dem Rest der Saison widmen und die Frage klären, wieso Thorandt heute ein rotes Trikot anhatte?

Baustelle Millerntor

„Wir brauchen uns nicht mit dem Aufstieg beschäftigen, wir müssen den Erfolg auf dem Spielfeld erzwingen.“
André Schubert, Cheftrainer des FC St. Pauli nach dem Spiel gegen Energie Cottbus

Foto: Baustelle mit FCSP Tag (groß). Aufgenommen unten am Fischmarkt
Foto: Baustelle mit FCSP Tag (groß). Aufgenommen unten am Fischmarkt

Sind wir im System Schubert angekommen? War das in der Hinrunde das Nachwirken von André Trulsen und Holger Stanislawski? Und nu? „Baustelle Millerntor“ weiterlesen

… and beat the fucking Düsseldorf

Heute steigt das Spitzenspiel der zweiten Liga. Es ist Montag und meine Vorfreude ist ein wenig gebremst. Zum einen mag ich Montage nicht, anders als mein Nachbar Björn. Da bin ich einfach nicht im Fußball-Modus, es fällt mir schwer die entsprechende magische Energie aufzubauen – und außerdem fühle ich mich solidarisch mit den weit anreisenden Gästen – auch Düsseldorf ist hin und zurück eine acht-Stunden-Reise. Mindestens.

Es kommt aber noch etwas hinzu. Ich möchte auf gar keinen Fall aufsteigen. Verlieren möchte ich aber auch nicht. Habe mich letzte Saison schon über mich selbst gewundert, dass es trotz Abstiegs-Wunsch so weh tat zu verlieren (ja, ich mag die 2. Liga, auch wegen der Abwesenheit der Businesskasper vom Volkspark, die ich tlw. persönlich kenne und die über die Süd und Haupt hergefallen sind letzte Saison) – und dann stehe ich heute Abend neben dem Sparschäler, dem Quotenrocker und all den Menschen, die ich nur dort treffe und die zu meinem Leben dazugehören inzwischen, wünsche Ralle Galligkeit in die Beine, Max eine Lauf und Flo Bruns mehr geniale als brunssche Momente – … and beat the fucking Düsseldorf, dann geht es nur um das Kulturwerk Millerntor. Scheiss drauf, dann eben Meisterschaft, solange wir Rostock abschiessen und den hsv in der Relegation schlagen. Ansonsten dürfen wir gerne verlieren, nur zur JHV nicht, aber das ist ein anderes Thema. YNWA and BBSP :)

Aufsteiger x

Der HSV als 16. der Bundesliga und der FC St. Pauli als Dritter in Liga zwei spielen in der Relegation im direkten Duell gegeneinander. Nicht auszudenken, was dann in Hamburg los wäre… HA

Es war das letzte Saisonspiel gegen Paderborn, wir hatten schon eine Woche lang gefeiert, von Fürth zurück führte mich mein „einfach mal glücklich sein“-Grinsen über München wieder nach St. Pauli, es war also nach dem Aufstiegsspiel am Millerntor schon gereifte Freude, die mich mit in ein fröhliches Gespräch mit einem Fremden führte, der vor dem Stadion oben abgebildetes T-Shirt verkaufte. Angeblich kam er zu Besuch aus Neuseeland und wollte sich mit diesen T-Shirts sein Rückflugticket bezahlen. Nicht das nach Auckland, das hatte er schon, sondern das zurück nach Sankt Pauli, zurück ans Millerntor. Das fand ich prima, eine schöne Geschichte, bei der es fast egal war, wie wahr sie sein mochte.

Ich habe dann in der letzten Phase der Ära Stanislawski oft an diesen Mann denken müssen, ob er sich seinen Wunsch wohl zum Spiel gegen den FC Bayern München wahrgemacht hatte, und wie verändert er das Millerntor wahrgenommen hat. Ich hoffe für ihn, dass er länger brauchte, um sich seinen Wunsch zu erfüllen. Zum letzten Heimspiel vielleicht, dem großen sportlichen Wiedererwachen unserer Boys in Brown in ihrer/meiner Lieblingsliga.

Anders als Norbert möchte ich nicht aufsteigen – auch wenn ich jeden Sieg in vollen Zügen genieße. Deshalb ist das Tragen dieses T-Shirt mir heute morgen eingefallen, als ich vor dem Schrank stand, in dem – meine Töchter machen sich schon darüber lustig, -fast nur braune T-Shirts hängen. Auf der Straße dann angerufen von Installateuren, „was steht da? Aufschneider oder Aufsteiger“ – und mich gefreut, wie fein ironisch dieser Anspruch ist, der gerade wieder durch die Medien geistert. Wie die Meeskesche Welle.