Geisterspiel und Hamburger DOM – Spuk unterm Riesenrad?

Riesenrad Foto - Hamburger DOM
Riesenrad Foto - Hamburger DOM

Es ist vor etwas über einem Jahr gewesen, als ebenfalls am Millerntor ein Spiel unter „Ausschluss“ von Zuschauern stattfinden sollte. Damals war ebenfalls FrühliungsDOM auf dem Heiligengeistfeld. Damals hat man befürchtet, dass sich die „Ausgeschlossenen“ unter dem Riesenrad trotzdem einfinden. In diesem Jahr werden nun wir ausgesperrt, die Einwohner, Anwohner und Innewohner

Es ist Frühling in Hamburg und die Saison nähert sich ihren Entscheidungen. Einsam und verstrickt in seine Verbandskarriere hat ein Einzelrichter des DFB-Sportgerichts (das man nicht mit rechtsstaatlichen Maßstäben beurteilen darf, eher mit libyschen) im fernen Frankfurt anscheinend ein Urteil verifiziert, dass lange vorher feststand: den FCSP bestraft man mit einem Geisterspiel gegen den vermutlichen Mitabstiegsfavoriten Werder Bremen (den bestraft man übrigens gleich mit).

Nun kann ich mir das sehr gut vorstellen, dass tausende ihre Eintrittskarte einfach behalten, um den FC St. Pauli nicht gleich mitzubestrafen, sich zu Handlangern der Frankfurter Fußballmarie zu machen. Die frei gewordene Zeit werden sie vielleicht zu einem DOM-Besuch nutzen. Sich freuen, andere St. Paulianer und Bremer Besucher zu treffen und spontan anfangen zu singen: „Danke, für eure Geisterspiele, Danke für diese tolle Tat, Danke, das wir nun draußen singen, Dazke DFB“

Kann man eigentlich Plätze im Riesenrad reservieren? Gibt es Bier im Becher auf dem DOM? Wie ist eigentlich die Strategie der Hamburger Polizei? Kaufen die alle Tickets für das Riesenrad am Samstag auf, oder gehen die als Bündel an den DFB? Wie berechnet man eigentlich eine balistische Kurve aus 80 Metern Höhe?

Frühlingsdom
25.03.2011 bis 25.04.2011
Öffnungszeiten:
Freitag und Samstag 15:00 bis 24:00 Uhr
Sonntags und Ostermontag 14:00 bis 23:00 Uhr

*Noch hat der DFB Gelegenheit, sich den Protest der Kriminalbeamten näher anzusehen, denn der FC St. Pauli hat Einspruch gegen das Urteil eingelegt:

Der FC St. Pauli hat gegen dieses Urteil fristgerecht Einspruch eingelegt.
Dazu Vereinspräsident Stefan Orth: „Wir möchten unseren Standpunkt in einer mündlichen Verhandlung erläutern.“ Mit einem Anhörungstermin ist frühestens in der kommenden Woche zu rechnen.

Kriminalpaulizei kritisiert DFB für Geisterspiel

Komisch, fast zum Lachen, wenn Vertreter des Staates sich über die Willkür eines Verbandes aufregen. Unterstützung aus einer merkwürdigen Richtung:

„Ich habe für diese Überreaktion keinerlei Verständnis“

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) hat das Urteil scharf kritisiert. „Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen, aber deswegen darf man nicht einen ganzen Verein und die Fans von zwei Mannschaften in Geiselhaft nehmen. Hier soll ein Exempel statuiert werden. Gleichzeitig wird massiv in den Abstiegskampf eingegriffen“, sagte der Hamburger BDK-Landesvorsitzende André Schulz. „Ich habe für diese Überreaktion keinerlei Verständnis. Und ich bin als HSV-Fan bei dieser Aussage absolut unverdächtig“, so Schulz im „Hamburger Abendblatt“.

via Spon

Geisterspiel

Die Untoten im DFB-Kontrollausschuss entscheiden sich für die rabiate Variante und beantragen ein Geisterspiel, also eines ohne Zuschauer gegen Werder Bremen. Erinnert mich spontan an den „Spuk unterm Riesenrad“, den die Rostocker mal auf dem Heiligengeistfeld angekündigt hatten:

Kontrollausschuss beantragt für St. Pauli ein Spiel ohne Zuschauer

Vom Becher getroffen: Thorsten Schiffner (l.) mit DFB-Schiedsrichter Deniz Aytekin
Nach den Vorkommnissen beim Bundesliga-Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem FC Schalke 04 am vergangenen Freitag beantragt der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) beim DFB-Sportgericht für den FC St. Pauli ein Bundesliga-Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Src// dfb.de

Zusatz: Das DFB Sportgericht hat den Antrag in seinem Urteil vom Freitag Vormittag bestätigt: Ein Spiel ohne Zuschauer am Millerntor. Dann werden bestimmt viele den freien Spieltag nutzen, um den Hamburger DOM auf dem Heiligengeistfeld zu besuchen ;)

Hinrichtung

Die Nachbarin schüttelt den Kopf: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Stefan so etwas gemacht hat.“ Nur ein kleiner Totenkopfaufkleber auf dem Kleinwagen in der Einfahrt lässt vermuten: Inmitten dieser dörflichen Beschaulichkeit lebt ein St. Pauli-Fan Amokläufer.*

… lese ich in der Mopo und kann mir vorstellen, wie sie im Vorörtchen über ihn herfallen, die Boulevardjournalisten und die Nachbarn. Ein Amokläufer, ist mein erster Gedanke, als ich den Text oben lese, wird immer ähnlich beschrieben. Im Alltag sei er immer freundlich gewesen, ein wenig verschroben, mit seinem Hang zu dem etwas Anderen und ihren gewaltverherrlichenden Symbolen.
Nein, oh Nein wie schrecklich, man hat ja nichts geahnt.

*Zitat Mopo, Durchstreichung und Ergänzung ring2

Becherwurf, Spielabbruch – Stellungnahme des Präsidiums des FCSP

Eben veröffentlicht die Presseabteilung das Statement unseres Präsidiums zu den Becherwürfen am Millerntor, von denen einer am Freitag Abend den Linienrichter am Rücken traf, was zum Abbruch des Spiels führte:

„Die nach dem Spielverlauf absehbare Niederlage am Freitagabend gegen den FC Schalke 04 war sicherlich für viele von uns bitter. Der Becherwurf auf den Schiedsrichterassistenten und der daraus resultierende Spielabbruch sind ernüchternd, schockierend und beschämend. Das Präsidium des FC St. Pauli distanziert sich auf das Äußerste von solch höchst unfairem und unsportlichem Verhalten. Wir verurteilen solche Aktionen, sei es – wie bereits zahlreich zuvor in dieser Partie – durch Feuerzeuge, Trinkbecher oder ähnliche Gegenständen aufs Schärfste und appellieren an die Vernunft unserer Zuschauer und Gäste. Ein solches Gebaren entspricht nicht dem Geist und den Idealen unseres Vereines.

Wir werden derartige Verletzungen des „Fair Play“ und des respektvollen Umgangs mit (sportlichen) Gegnern und Offiziellen nicht hinnehmen, verstoßen sie doch eklatant gegen unsere einzigartige Fankultur am Millerntor. Wir werden die Verursacher/Täter derartiger Aktionen auch persönlich zur Rechenschaft ziehen bzw. Regress nehmen, denn es kann nicht sein, dass unser Verein und unsere Mitglieder kollektiv die finanziellen Folgen derartiger Taten/Handlungen tragen.

Das genaue Strafmaß durch den Deutschen Fußball Bund (DFB) erwarten wir in Kürze. Aufgrund von Zeugenaussagen konnte ein Tatverdächtiger noch unmittelbar am Freitagabend im Stadion ermittelt werden. Durch zahlreiche weitere Zeugenaussagen im Laufe des heutigen Montags besteht inzwischen kaum noch Zweifel an der Identität des „Werfers“.

Wir entschuldigen uns hiermit noch einmal ausdrücklich im Namen des FC St. Pauli beim Schiedsrichterassistenten Thorsten Schiffner.

Das Präsidium des FC St. Pauli

Quelle: fcstpauli.com

Biometrische Bierbecher – Fußball als sicherheitspolitisches Labor

23.4.2011 – Hamburg St. Pauli

Mehr als drei Wochen sind vergangen, seit am Millerntor an einem Freitagabend das Wort „Anschlag“ sich in den Medientenor eingenistet hat, wenn vom deutschen Fussballfan und speziell vom St. Paulianer die Rede ist.

Das Spiel gegen Werder Bremen findet dennoch statt, unter außergewöhnlichen Sicherheitsbedingungen. 20.000 Polizisten sind zur Sicherheit der Bremer Fans, der Spieler und ihrer Schiedsrichter angetreten, St. Pauli, Dank des Ahlhauschen Verfassungsbeugungsgesetzes, zur Grundrechtsfreien Zone erklärt. Schnellrichter sitzen behelfsmäßig in den Ü-Wagen des Pay-TV-Senders sky, alle Nachrichtensender berichten live.

„Einen hinterlistigen Anschlag auf die freiheitliche Grundordnung unserer Fussballnation“ hatte das Leo Fuffziger genannt, neuer Innenminister Sport (CSU), nachdem bekannt wurde, dass der inzwischen identifizierte Becherwerfer Stefan H. zuvor in einem Trainingslager der Commerzbank an der Müritz (Golf-Resort) nahe der immer noch stark umkämpften Hafenstadt Rostock, ausgebildet wurde. „Diese Menschen kennen kein Pardon“, ärgert sich Gregor Gysi bei einer Geburtstagsfeier im Ballsaal am 20. April, „diesem Terror muss man den Boden entziehen, auch wenn es allen wehtut“.

Die gesamte Haupttribüne wird gesperrt, alle Inhaber von Sitzplätzen und Business Seats werden mit neuen biometrischen Eintrittskarten polizeilich erfasst, um solche Anschläge, die am 1. April fast zeitgleich in Hamburg und Graz auf Vertreter der Vereinten Unparteiischen verübt worden waren, zukünftig zu verhindern. Das sind längst keine Einzeltäter mehr, erklärt Sven B., Sicherheitsbeauftragter der DFL. Sie nennen sich selbst „Sponsoren“, und fallen marodierend und stöhnend in alle Stadien ein – „das ist kein Hamburger Phänomen“, erklärt Uli Hoeneß diesem Blog. „Die fressen alles leer und wenn der Verein nicht mehr europäisch spielt, dann ziehen sie weiter“.

Die Hamburger Polizei ist vorbereitet. Neben den Schnellgerichten wurden zahllose Schnellrestaurants an der nahen Reeperbahn konfisziert, um die hunderten zu erwartenden Festgenommenen zu versorgen. Das Waffenverbot auf dem Kiez wurde sicherheitshalber auf Babynahrung und Zigarretten ausgeweitet, auch Hunden wurde das Koten untersagt.

Hoffen wir auf ein friedliches Spiel. Die Stimmung dürfte aber ohne die Haupt ohnehin im Mors sein.