Es lebe das Spiel. Scheitern als Lebenselixier des Fußballs

 
Ich frage mich, ob es an meiner persönlichen Präferenz zu Mannschaftssportarten wie Baseball und Fußball liegt oder ob es zwischen solchen Dingen wie Fahrradrennen, 100-Meter Sprint und Ballspielen tatsächlich wesentliche Unterschiede gibt?

Leistung und Optimierung sind der Tod des Sports. Chaos und Scheitern schützt ihn.

Kommt es nur mir so vor, dass viele klassischen Sportarten in der Postmoderne den Stillstandstod sterben, Spiele hingegen aber aufblühen?
Spätestens seit Mitte der 80er-Jahre tragen 100-Meter-Sprinter noch an ihrem 30. Geburtstag eine gepflegte Vollakne, erscheint es als ein offenes Geheimnis, dass die 100stel, die den Unterschied an der Weltspitze ausmachen, nicht dem menschlichen Körper sondern der immer besser werdenden Pharmaindustrie geschuldet sind.
Nun ist Leichtathletik, auch in Staffeln, letztlich ein Einzelsport. Mensch gegen Zeit. Da fiel es als Erstes auf:

Das Wesen Sportler ist an seine Grenzen gestoßen.

Und am Ziel verstirbt er dann, der Sport, steht still und wer still steht, vergeht. Sport lebt eben auch von Entwicklung, Spannung und dem Herausschieben von Bestzeiten und Grenzmarken.
Nun hat es den Anschein, dass auch taktisch hoch entwickelte Sportarten betroffen sind. Sicher, der Reiz der Tour de France liegt zum einen in den unmenschlichen Strapazen der Topfahrer, zum anderen aber auch an den taktischen Meisterleistungen der Teams. Eine irre Abstimmungsleistung. Nun stirbt dieser Sport wohl ebenfalls, weil die Unterschiede in der taktischen und körperlichen Qualität nivelliert werden. Ähnlich den Abgaswerten für Diesel sind quasi alle gleich „gut“ – oder „schlecht“. Den Unterschied macht, wie 20 Jahre zuvor bei den Sprintern nur noch der vertuschte Einsatz von Substanzen.

Sportlicher Stillstand, ein kilometerlanger Leichenzug.

Markus W. und ich besprachen heute Nachmittag bei einer Wurst auf dem Wochenmarkt (auch eine Form des Doping) das Prinzip des Scheiterns, das Primat des Irrtums als Garant für andauernde, Zeitalter überdauernde Spannung im Fußball. Hier funktioniert sie nämlich noch, die Spannung durch nicht auslöschbaren Irrtum. Nur durch den Unterschied, von 100 gescheiterten Torschüssen vielleicht acht mehr in den netzbewehrten Kasten zu bugsieren, unterscheidet sich der Sandhausener Sturm von dem der St. Paulianer, dieses Jahr.
Solange das Zielwasser noch nicht erfunden ist, macht Doping hier keinen Unterschied, zumindest nicht so stark, als dass Mannschaftsgeist und Engagement nicht ausgleichen könnten.
Was bringt mir Manuel Gräfes Attitude, an der sich so schön reiben lässt, wenn er sich auch in der 2. Bundesliga dem Videoschiedsrichter unterwerfen muss?
Eigenart, Leidenschaft und tausende weitere Faktoren ergeben zusammen ein komplexes Gebilde von möglichen Abläufen. Unplanbar, ein Spiel eben.
Deswegen umarme ich still jeden Stockfehler von Aziz Bouhaddouz, feiere jedes Festdribbeln von Cenk Sahin, machen sie doch dieses Spiel erst lebendig.
Der Irrtum, das Scheitern ist in unserem Zeitalter der Unterschied zwischen Tod und Leben. Es lebe das Spiel.

Scheiss auf eure "Tradition"

Oder: Euer Red Bull Leipzig Bashing ist so verlogen!

Man kann inzwischen die Uhr danach stellen: Wo der Brauseklub RB Leipzig auftaucht, gibt es von so genannten Fußballtraditionalisten Proteste, im besten Fall. Im immer häufiger anzutreffenden schlechten Fall gibts für die Fans von Leipzig aufs Maul, wie zuletzt beim Ruhrpotttraditionalisten Borussia Dortmund.

RB Leipzigs Fanszene: friedlich und fröhlich

Dabei kann man eine Grundregel beobachten: je weniger die Klubs noch echte Vereine sind, desto heftiger die Proteste. Es ist doch auch kein Wunder, dass die Anhänger von Aktiengesellschaften und KGaAs frustriert sind, ihre Mannschaften funktionieren auch nur, weil die Mitglieder ihres Vereines ihre Gestaltungsmacht an einen Sponsoren, Mäzen oder Investoren verhökert haben. Borussia Dortmund, Schalke 04 (Gazprom), Bayern München (Adidas) oder die Traditionssponsorenteams Bayer Leverkusen und VW Wolfsburg hassen den Spiegel, den ihnen Red Bull vorhält. Zuletzt der einst „stolze“ HSV, der seit einigen Jahren als HSV AG mit Beutemillionen versucht, die Liga zu halten.

„Ohne mich wäre die Borussia in der Oberliga“

BVB-Großaktionär Homm im Interview mit Spiegel Online

Wer von Tradition faselt und Anhänger eines Vereines disst, die in ihrer Mehrheit wenigstens ehrlich sind, wenn es um ihre Erwartungen an den modernen Fußball geht, der sollte bitte erst einmal vor der eigenen Türe kehren
Wie Metalust damals schon ganz richtig sagte, als auch beim FC St. Pauli dieses „Tradition gegen Red Bull“-Dings losging: „Soweit ich weiß hat deren Sponsor keine Zwangsarbeitervergangenheit“.

RB Leipzig nur logische Weiterentwicklung des modernen Fußball

<Rant>Ich verachte dieses Leipzig-Bashing ja inzwischen sehr, vor allem, wenn es von ausverkauften Aktiengesellschaften und ihrem Nazis-duldendem Anhang kommt! </Rant>

Das Übel liegt im Wesentlichen beim DFB und der DFL, die einem Ausverkauf der Demokratie im Fußball permanent Vorschub leisten, der einzigen Tradition übrigens, die im Fußball wert ist, erhalten zu werden.
50+1 ist faktisch tot
Wenn Hannovers Kind nach zwanzig Jahren ununterbrochener Einmischung die Mehrheit bei 96 übernimmt, dreht sich die Spirale ein weiteres Stück gen totaler Kommerzialisierung. RB Leipzig allein dafür zu dissen ist schlicht dumm. Schuld ist der Deutsche Fußball Bund und seine Idee von modernem Fußball.
Die Fans von RB Leipzig sind übrigens ausgesprochen sympathisch und haben sich am Millerntor wie echte Gäste benommen und offen gegen Homophonie und Xenophobie treten sie auch ein – und das in Sachsen!
Selbst, wenn manche bei uns das als Marketing diskreditieren, ich mag die.

Fußball Weisheit: Nick Hornby hatte unrecht!

Nick Hornby, Fußball-Philisoph und Bestseller-Autor. Foto: Joe Mabel Lizenz: GFDL, CC-BY-SA-3.0 granted by photographer
Nick Hornby, Fußball-Philisoph und Bestseller-Autor.
Foto: Joe Mabel
Lizenz: GFDL, CC-BY-SA-3.0 granted by photographer

Der Satz, den Nick Hornby in seinem Roman „Fever Pitch“ schreibt, ist zum allgemein gültigen Kultursatz mutiert, wenn es um das Thema Fußball geht: „Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht sich Dich aus.“ – Nick Hornby hat sich geirrt. „Fußball Weisheit: Nick Hornby hatte unrecht!“ weiterlesen

Fußball-Weissagungen und Spieltags-Horoskope

Wenn man mit mutigem Herzen und doch ratlos in seiner magischen Kurve staht, wie am Sonntag am Millerntor – und dann auf Phänomene trifft, die man sich einfach nicht erklären kann, weil man Mannschafts-Interna nicht kennt und von Fußball nicht mehr echte Ahnung, als vom Bohr’schen Atommodell. Wenn Fußball eine wissenschaftlich schwer zu fassende Kulturhandlung ist, dann darf man auch ungewöhnliche Quellen befragen. Wie damals vorm Aufstiegsspiel in Fürth. „Fußball-Weissagungen und Spieltags-Horoskope“ weiterlesen

Bundestag Petition: Bundespolizei – Restriktiverer Einsatz von Pfefferspray

… auch für Fußballfans relevant:
Der Deutsche Bundestag möge beschließen, den Einsatz von Pfefferspray (bzw. Reizmitteln mit dem Wirkstoff Capsaicin und PAVA) seitens der Bundespolizei gegen Versammlungen, Menschenmengen und Einzelpersonen mit Ausnahme der Notwehr zu verbieten. Außerdem möge der Deutsche Bundestag prüfen, inwieweit er mittels eines Bundesgesetzes sowie im Rahmen der Innenministerkonferenz darauf hinwirken kann, dass diese Einschränkung Eingang in die Gesetze für die Polizeien der Länder findet. „Bundestag Petition: Bundespolizei – Restriktiverer Einsatz von Pfefferspray“ weiterlesen

Das Gegenteil von Vielfalt im DFB/HFV

Es gibt gute Beispiele abseits der Profiligen, die drastisch vor Augen führen, wie Integration ad absurdum geführt werden, wie soziale Klassenunterschiede systematisch zementiert, statt aufgelöst werden. Dort wo Vielfalt fehlt, wirds dunkel:

Es gibt türkische, kurdische oder kroatische Mannschaften, die zur Gewalt neigen. Es gibt (monoethnische) deutsche Mannschaften, die es mit Beleidigungen darauf anlegen, türkische, kurdische oder kroatische Mannschaften zur Gewalt zu provozieren. Integration ist auch im Fußball ein heikles Thema.
Einen etwas fragwürdigen Ansatz testet derzeit der Verband in Hamburg. Er hat auffällig gewordene und auffällig klingende Vereine unabhängig von ihrer regionalen Lage in eine einzige „Stressliga“ zusammengesteckt. Kritiker sprechen von der Ghettoisierung der Bezirksliga. via zeit.de

Wozu brauchen Sportvereine noch klassische Medien?

Sankt Pauli ist die einzige Möglichkeit - Aufkleber
Sankt Pauli ist die einzige Möglichkeit - Aufkleber

„Ich mache das kurz und knackig„, schreibt Mark Cuban, Milliardär und „Besitzer“ der Dallas Mavericks in seinem Artikel „Whats the role of media for sports teams ?“. „Im Jahr 2011, brauchen wir da noch Reporter von ESPN und YAHOO!, die in unseren Umkleidekabinen herumlungern, vor und nach dem Spiel?“ – seine rhetorische Frage beantwortet er gleich danach: „Ich denke, dass wir nicht nur den Punkt erreicht haben, an dem wir besser direkt von Team und Spielern zu unseren Fans kommunizieren können, als jedes große Sportmedium, ich meine sogar, dass es in unserem Interesse sein sollte, denn diese Sportwebsites sind eher zu Paparazzis geworden, denn Reportern.“

I’m going to make this short and sweet. In the year 2011, I’m not sure I have a need for beat writers from ESPN.com, Yahoo, or any website for that matter to ever be in our locker room before or after a game. I think we have finally reached a point where not only can we communicate any and all factual information from our players and team directly to our fans and customers as effectively as any big sports website, but I think we have also reached a point where our interests are no longer aligned. I think those websites have become the equivalent of paparazzi rather than reporters.

Ob das auch vollumfänglich für den deutschen Sportjournalismus gilt, weiß ich nicht zu beurteilen, die Berichterstattung rund um den Becherwurf und die Sozialromantiker legt den Schluß aber nahe, dass wir hier Parallelen finden. Viel interessanter ist doch die Frage, ob sich Vereine in einer sozial vernetzten Welt, nicht einen wichtigen Kanal durch die Lappen gehen lassen, der es Team und Spielern ermöglicht, direkt mit ihren Fans zu kommunizieren, sei es via Twitter, Blogs oder Facebook. Wo finde ich denn die Gedanken eines Gernot Stenger zur Zukunft des FCSP?
Ich bin fest davon überzeugt, dass 1. die Deutungshoheit der klassischen Medien abnimmt, wie in allen Bereichen der Digitalen Medienrevolution, auch wird sich die Art zu kommunizieren ändern. Das tut sie nämlich bereits – und der FCSP täte gut daran, sich diesen Blogpost mal zu Gemüte zu führen.

Macht-Arithmetik: 96 ./. 50+1

Wenn die Seele fehlt und damit das wichtige, das lebendige am Image (oder wenigstens dessen Spurenelemente), dann hilft eben nur noch, alles zu verrammschen. Das ist meine persönliche Meinung zum Phänomen 50+1-Regelung.
Kein Wunder also, dass nicht Vereine, wie St. Pauli (vgl. , VfL Bochum oder Freiburg sich hierzu regen, sondern …
„Hannover 96 hat offiziell Klage gegen die bestehende 50+1-Regelung beim Ständigen Schiedsgericht eingereicht. Innerhalb einer sechswöchigen Frist hat der Ligaverband nun die Möglichkeit, auf die Klage-Einreichung zu reagieren.“ (via DFL Presse)
(Die bestehende 50+1-Regelung sieht vor, dass Investoren bei den Clubs des Ligaverbandes DFL nicht die Stimmenmehrheit übernehmen können)

Hamburg.de ohne Mädchen – Altona 93 an der Spitze des Protestes für Gleichbehandlung von Frauen-Fußball in Hamburg

Seit ein paar Wochen bietet die „offizielle Internetpräsenz für die Freie und Hansestadt Hamburg“, www.hamburg.de, als Service eine Übersicht über alle Hamburger Amateur-Fußballligen mit Tabellen, Ansetzungen und Ergebnissen an. Alle Hamburger Ligen? Alle, bis auf sämtliche Frauen- und Mädchenligen ..!
Auf Anfrage bei Hamburg.de warum die „Zunkunft des Fußballs“, die ja laut DFB-Präsi Theo Zwanziger weiblich ist (sic!), nicht berücksichtigt wird, wurde geantwortet, daß die Frauenligen bei „entsprechender Nachfrage“ auch ins Angebot aufgenommen werden.

… bis dahin wird ausgerechnet beim Frauenfußball in Hamburg nach dem Leistungsprinzip verfahren. Wir unterstützen den Aufruf der AFCDeerns (Altona 93):
Fordert eure Bezirkspolitiker auf hier einzugreifen und schreibt an hamburg.de*, den Frauen gehört der Fußball – und vielleicht will Hamburgs Bürgermeister sich ja 2011 bei der Fußball-WM im eigenen Land auf den Empfängen nicht lächerlich machen …
*) dort dann entweder „Allgemeine Fragen und Anregungen“ oder „Kontakt zur Redation“ auswählen und freundlich darauf hinweisen, daß in Hamburg auch Frauen und Mädchen Fußball spielen. Für Twitterer: @hamburg_de.