Podcast: "Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Fussball"

Markus und Erik über Fussball, den Sport für mittalte Maenner.

Timo Schulz“ Young Guns auf dem Rasen, auf den Tribünen mittelalte Männer. Was die Geister der 90er, die Nationalmannschaft und die Rolling Stones mit dem FCSP zu tun haben, besprechen Markus und Erik in dieser Episode des ST. Pauli POP Podcasts.

Dabei sprechen wir über das Geisterheimspiel gegen Heidenheim, das eben wie es Geister tun können, auch verzückte. Über Markus Antipathie gegen den Trainer von Sandhausen, die Nationalmannschaft und das Foto der alten Männer von 1990. Und wie wenig wir mit denen zu tun haben (wollen).

Was es heißt, Mainstream zu sein, und ob St. Pauli das schon lange ist, die Helene Fischer der Punkmarken sozusagen … und über den Musikgeschmack von Martin lästern wir auch ein wenig 😉

ps der Titel war ein wenig verwirrend, um Trump geht es gar nicht im Podcast – und deswegen habe ich, auch nach Kritik daran, den Titel geändert.

Zuviel Druck

Ich traf im Kick & Company in Altona erst kurz vor Anpfiff ein. Die Wirtin, eine heimliche Anhängerin des Stadtmeisters, des neuen, ansonsten aber auf Neutralität bedacht, schimpfte leise auf das Elend, dass ihr der Abstieg des HSV bescherte, spielten doch beide Vereine, ihrer und mein FC St. Pauli, diesen Sonnabend zur gleichen Stunde.

Kaffe und Notizbuch – Aufarbeiten einer Klatsche

Was ihr Umsatzeinbußen bescherte, fühlte sich für mich exotisch an. Im kleinen Raum neben den Kickertischen saßen wir St. Paulianer, im großen Saal die Anhänger des Vorstadtklubs, beide richteten die Augen auf ihre Version der televisionär versendeten Wirklichkeit und versuchten die andere Fraktion, nur von einer dünnen Glasscheibe getrennt, zu ignorieren, so gut es ging.

13:00 Uhr ist fürs Trinken viel zu früh, also bestellte ich die beste aller schlechten Alternativen, ein bayrisches Weißbier, alkoholfrei und isotonisch. Das lässt einen gesunden Gleichdruck in meinen Zellen entstehen; es fließt genauso viel aus mir hinaus, wie hinein.

SV Sandhausen – FC St. Pauli – ein emotionaler Bericht

So begann das Spiel im weit entfernten Hardtwald, an den ich mich als ungemütlichen, dunklen Ort erinnere, durch den ein kühler Winterwind wehen kann. Die Boys in Brown begannen ebenfalls isotonisch, darauf bedacht, nicht mehr hinausfließen zu lassen, als hinein. Druckausgleich als Spielidee.

Einen Ausgleich herstellend, aus dem Anspruch, der intellektuellen Überzeugung des eigenen Vermögens, der technokratischen Rangfolge, die sich durch die Tabelle ergibt und dem nagenden Zweifel, der sich seit dem letzten Sonntag noch jeden Tag verstärkte, der Wut über sich selbst (bei den reiferen) oder auf andere Teile des Teams, der Fanschaft und die kleine Welt am Millerntor.

Das Überkippen ins Hypotonische konnte ich selbst durch die kalte Linse der Kamera erfühlen, langsam aber sicher floss alle Zuversicht aus den Jungs heraus. Und der SV Sandhausen in Form des ewigen HSVers Diekmeier druckvoll in sie hinein. Als wollte auch er den Derbysieg, nur um eine Woche retardiert.

St. Pauli zerschellte an diesem Wollen, Buballa fiel mehrfach schwächelnd auf seine Knie, Mats wurde einfach abgeschüttelt und Marvin war komplett von der Knolle; so spannungslos ließen sich unsere Spieler zerdrücken, dass in mir pures Mitleid übrig blieb.

Ich kann da keine Wut entwickeln auf dieses Häuflein Elend, das sich später noch tapfer den eigenen Fans stellte, dabei Beschimpfungen und Bier über ihre hängenden Köpfe ergehen ließen.

In einem Ausbruch hypertonischen Überdrucks vermischten sich eigene Rechtfertigungen mit der Forderung nach kapitalistischem Leistungslohn; auf die Idee, sich in den Schmerz zu ergeben, aus ihm vielleicht die Lust zu ziehen, die den Druck ausgleichen könnte, kamen da wenige, wie mir berichtet wurde.

Auf das so wichtige Zeichen der Solidarität, mit unserer Mannschaft und sich selbst, wartet man auf St. Pauli auch acht Tore nach der letzten Sonntagsfrage vergeblich.

Schlimm.

Ich bestellte mir dann am Ende doch noch ein kleines Bier aus dem Tschechischen und vom Fass, um zuzusehen, wie Darmstadt die bleierne Wolkendecke über mir kurz aufriss.

Schlimmer Heimsieg

Gegen Sandhausen kannst Du nicht gut aussehen. Die Spielzerstörer aus dem badischen Wald machen es vor allem auswärts dem Gegner extrem schwer, Tore zu schießen und eines machen sie selbst immer. Vor allem am Millerntor.

Spiele gegen Sandhausen sind also Nullerwartungskicks, insbesondere an einem Sonntag, so kurz nach dem Frühstück, wenn gefühlt noch das ganze Stadion tranfunzelt. Wie überrascht war ich also, als Dudziak und Miyaichi über die rechte Seite Samba spielten und einen Tanz nach dem anderen mit der völlig überforderten Abwehr in weiß-schwarz wagten. Folgerichtig fiel das 1:0 und ich erhöhte meinen Tipp auf 3:0.

Spielt die Mannschaft gegen den Trainer?

Nach der Führung hörten die Boys in Brown abrupt auf, am Spielgeschehen teilzunehmen; so als ob sie das Soll eines Fünfjahresplans der örtlichen Fußball-Kolchose erfüllt hätten. Hätte mich auch nicht gewundert, wenn Flum und Buchtmann laut „Feierabend“ gerufen und sich ins Ermüdungsbecken verabschiedet hätten.
Es ist der Harmlosigkeit der Sandhausener geschuldet, dass es zur Halbzeit nicht schon 1:1 oder schlimmer stand. Auf diesen Zwischenstand stellten die Badenser dann Mitte der 2. Halbzeit, in der St. Paulis Spieler noch weniger Bock auf Fußballspielen zeigten, als Lasoggas Mutter – mit einer Ausnahme: unserer Viererkette, die nun Welle auf Welle abzuwettern hatte. Wie ein „heißes Messer durch Butter“™ marschierten die Gäste durch unser Mittelfeld. Buchtmann und Flum begleiteten höflich und schienen vergessen zu haben, dass zu einem „Zweikampf“ eben auch zwei gehören.
Als ich da so auf der Tribüne stand und zuerst verdutzt und dann genervt auf den Rasen blinzelte, erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einem Sportjournalisten vor ein paar Wochen, der mir versicherte, dass „gegen Ingolstadt eigentlich nicht gewonnen werden sollte„, sondern von Teilen der Mannschaft gegen Kauczinski gewettet wurde. Miyaichi hatte das nur nicht mitbekommen. Als er von der Bank kam und den Siegtreffer schoß, kam der ganze schöne Plan durcheinander, meinte der Fußball-Kenner. Ich hatte das als „Seemannsgarn“ abgetan, musste jetzt aber wieder daran denken, als die Rudelführer unserer Mannschaft einer nach dem anderen die Arbeit einstellten.

Ziereis vs. Flum

Für mich war es die Szene des Spiels, als Ziereis und Flum aneinander gerieten, sich auf dem Feld knufften und lauthals die Meinung geigten. Kurz darauf wechselte Kauschi aus: Flum ging hinaus und übergab die Kapitänsbinde an Ziereis. Damit gab der Trainer ein klares Coaching-Signal: Ziereis wurde gestärkt und als dann zum Ende zum dritten Mal der Sieg eingewechselt wurde, diesmal mit Veerman und Allagui – für den es mich so unendlich freut, dass er seine tolle Frühform auch nach seinem Rippenbruch wieder gefunden hat – bekam die Bemerkung von vor ein paar Wochen Gesicht.
Besser gesagt: Gesichter.

Coaching gegen Teile des Team-Establishments?

Drei Punkte, die wieder einmal durch Einwechslungen herbei gezaubert wurden. Findet ihr das nicht auch ein wenig mysteriös? Was stimmt da bei der Startformation nicht, dass sie immer wieder diesen Impuls von der Bank braucht? Hat der Sportredakteur am Ende recht und es stimmt etwas nicht im Team?
Diese Fragen nehme ich jetzt kopfschüttelnd mit in die Länderspielpause. Und wünsche mir, dass mein Kumpel Willi recht behält, nämlich dass da schon alles in Ordnung ist, es sind nur gerade ALLE fit, der Trainer eben gleichwertigen Ersatz auf der Bank; und das hatten wir ja nun wirklich lange nicht mehr, genauso wie einen Heimsieg gegen Sandhausen.

Hört auf zu meckern!

Der FC St. Pauli steckt nach dem Unentschieden gegen Sandhausen mitten im Abstiegskampf und irgendwie nimmt das keiner so richtig wahr.

Gestern rief mich W. an und kofferte los. Da habe im Verein wohl keiner den Schuss gehört, wo denn Oke sei; bei Aue stehe in diesen Tagen der Präsident in der Kabine und drohe jedem, der nicht an seine Leistungsgrenze gehe, mit der Ausfertigung seiner Papiere. Auf Nachfrage wollte er das nun nicht von Oke, also mit Drohungen in die Kabine latschen und herumkrakeelen, „aber eines ist doch klar: ES MUSS WAS PASSIEREN!“, rief er in die Muschel und legte vor Schreck auf.

Tabelle 2. Bundesliga, via FCSP.com

„Was erlauben Bouhaddouz?“

Da ist W. in guter Gesellschaft, langjährige Allesfahrer schütteln genauso verwundert den Kopf, wie andere Blogs in meiner Blogroll.

„Trotzdem ist es alles uninspiriert. Ein taktisches Konzept ist nicht erkennbar. „Karo einfach“ oder „Fußball der 90er“ waren Kommentare nach dem Spiel. Leider wird in den – ziemlich aussagslosen – Pressekonferenzen auch nie nachgefragt, was denn die Idee für ein Spiel, für die Mannschaft im Allgemeinen sein soll. Soll das eigentlich offensiv sein? Oder defensiv? Warum schaffen wir es trotz schneller Spieler nicht, ein Kontersystem zu entwickeln? Ist das alles nur Verunsicherung?“

It’s the economy, stupid

Die ganze Liga, von Platz sechs bis 18 steckt mitten im Abstiegskampf. Soweit, so normal. Statt sich über die einigermaßen gelungene Rückrunde zu freuen (13:12 Tore 😉 und anzuerkennen, dass eben im modernen Fußball, dessen Protagonisten alle gleich ausgebildet sind, alle dieselben taktischen und gegentaktischen Schemata aufrufen und alle dieselben Talente ausbilden (für Freiburg, Dortmund und Leverkusen), eben alle auf Strecke ähnlich stark oder schwach sind. Das hat sich lange angekündigt; diese Saison ist es soweit.
Das einzige Gegenmittel: Mannschaftliche Geschlossenheit. Teamgeist, Liebe und Hoffnung.
Wirklich Leute, rüstet mal ab. Umarmt eure Boys in Brown trotz eines verschossenen Elfmeters. Das hilft.

Jetzt rufen sie wieder nach Stani?

Ich habe schon Leute getroffen, die ernsthaft sich Stani zurück wünschen. Und dann? Kauschi erreicht die Jungs ja, das kann man sehen! Der FC St. Pauli ist fünfter der Rückrundentabelle. Und kann trotzdem absteigen. Ja, nimm es hin. Supporte noch mehr!
Team-Kreis FCSPInspiration kann man ausgerechnet beim untergehenden Dino finden. Andreas Fischer, langjähriger Rautenkapitän fand im RautenTV des Abendblatts über Ostern die richtigen Worte:

„Stellt euch hinter eure Mannschaft, hinter jeden einzelnen Spieler. Und wenn das nicht geht, sucht euch euren Liebling heraus und stellt euch an seine Seite. Es gibt den Rest der Saison keine anderen.“ – Andreas Fischer – Ex-Rautenkapitän

Und wenn wir den Klassenerhalt geschafft haben, mit urstpaulianischen Hippie-Tugenden (oder meinetwegen einem lärmenden „Kämpfen Pauli“ ;), dann freuen wir uns auf die nächste Saison – Kauschis und „Uns Uwes“ erster ganzer übrigens.