Neubau Gegengerade #Millerntor: eine Welle macht noch keine „Kult“ur

Gegengerade Entwurf Welle Neubau Millerntor
Gegengerade Entwurf Welle Neubau Millerntor

Vom Heiligengeistfeld bäumt sich die komplett in Schwarz gehaltene Gegengerade als überdimensionale Welle in Richtung Spielfeld auf. Während im unteren Bereich Steh- und Sitzplätze vorgesehen sind, befinden sich im zweiten, dritten und vierten Rang direkt unterhalb der brechenden Welle weitere „hängende“ Stehplätze. Ein imposantes Bauwerk, dessen Ausmaße die bereits fertiggestellten Ränge im Süden und Westen um bis zu sieben Meter überragt. HA

Für die Hamburger Medien scheint die Sache ausgemacht. Die Welle, ein imposanter Gedankenentwurf für einen außergewöhnlichen Verein, die passt so vordergründig gut zum FCSP wie die Randale zur Flora. Die Eitelkeit bringt ihre medialen Kontakte in Stellung, sodass alle Zweifler als Spielverderber dastehen müssen.

Ich stehe in dieser Woche das erste Mal in einer der Logen des FCSP und fühle mich fremd, wenn ich auf die Gegengerade schaue. Aus dieser Höhe sieht das Spielfeld aus, wie von Sky eingefangen und hinter der Gegengeraden und noch dem DOM wächst die Elbphilharmonie empor. Auch so ein Leuchtturmprojekt.

Hier oben verdienen wir das Geld, das anderen den Millerntorbesuch erst möglich macht. Im Prinzip ist der Deal konsensfähig. Eines wird hier oben aber überdeutlich. Die Kultur St. Paulis ist hier nur als Accessoire gegenwärtig. Zur Staffage arrangierte USP- und Protestaufkleber, Manga-erotische Poster in Überlebensgrösse (Astra) und die vielkritisierte Stripstange in Susis Loge sind Objekte einer grotesken Arroganz zu dem, was in diesem Stadion an Kultur geprägt und gelebt wird.

Der Beton dieser neugebauten Tribünen ist eines der Kultur verändernden Merkmale, um die wir beim FCSP schon so lange streiten. Es wird Zeit brauchen, bis der Beton der Süd durch Bier, Pisse und Tränen soviel von dem Dreck aufgesogen hat, der Sankt Pauli ausmacht. Beton ist da schwerlebiger als Holz. Ob man nun für die Gegengerade sich eine Welle wünscht, statt Beton, ist fast einerlei, führt Architektur doch in eine falsche Richtung.

Surfin Sankt Pauli

Jedes Heimspiel singen 20.000 Menschen, sie seien Zecken und würden unter Brücken schlafen. Das tun die meisten natürlich nicht, wie Spötter oft anmerken. Was gemeint ist, ist die Solidarität mit denen, die dem Hamburger Wetter meist schutzlos ausgeliefert sind. Eine Selbstvergewisserung, das St. Pauli solidarisch und dreckig bleiben muss, will es sich selbst bewahren.

Wollen wir also die Liedzeile in „Surfin Surfin St. Pauli“ ändern, bauen wir eine Welle. Zur Not Beton. Mir wäre es lieber, man behielte die Asynchronität des Millerntors bei, renovierte die Gegengerade und die Nord um noch ein paar Damenklos mehr und konservierte den Zwiespalt des Stadions solange, bis die Süd und die Haupt dreckig geworden sind.