Weiß, Männlich, ü40, Schanze, Galaotrinker = St. Pauli Fan – Migrant, Männlich, u30, Neugraben (vorm. St. Pauli) = Underdog

Sieht man sich in den Stehbereichen am Millerntor um, oder ließ auf der JHV seinen Blick durch die Reihen schweifen, dann kann man festhalten: der durchschnittliche St. Pauli Fan und Millerntorbesucher ist über 35, weiß, männlich, in der Regel hetero und links bis linksliberal eingestellt und angezogen. So richtige „Underdogs“ kann ich da nicht mehr entdecken, höchtens welche, die in die Jahre gekommen sind, und viele, die über das älter werden auch nur noch Spuren von Punk mit sich herumtragen, wie die GG-Dauerkarte beispielsweise. Ich schließe mich da mit ein in diese Beschreibung, wenn ich darüber nachdenke, wohin wir denn das kulturelle Erbe von St. Pauli, um das wir Sozialromantiker denn auch gerade wieder kämpfen, tradieren wollen. Underdogs sind die meisten von uns doch gar nicht mehr, die finden sich heute mit
Migrationshintergrund und immer weniger auf St. Pauli.

Räumt man das wütend Machoeske beiseite, sind es dieselben Mechanismen, die Rapper, wie Nate47 oder Telly Tellz auf die Straße treiben, dieselben Sehnsüchte die gleiche Sinnsuche, die das St. Pauli erschaffen haben, das wir lieben. Talco ist ja ganz nett, und USP arbeitet mit dieser medial-kompatiblen Ästethik, die auch jedem mittelalten Werber gefällt, der sich mit dem Mythos Sankt Pauli auseinandersetzt – mir kommt das ja zunehmend unvollständig vor. Es wird höchste Zeit, dass am Millerntor eine neue Art von Underdogs einzieht – und das sollen wir zulassen und moderieren, solange wir noch dürfen :)

Intifada-Style, Pauli gegen Staatsgewalt, Der
schwarze Block versammelt sich gegen den Nazi-Scheiß, Rostocker
Fans haben nicht so viel zu lachen, Denn Pauli-Pullis tragen
mittlerweile auch Kanacken, In den Schatten von den Blocks,
Paranoia vor den Cops, Denn jeder Zweite macht sein Geld mit Autos
oder Stoff, Ich krieg das Alles mit, ich seh das jeden Tag, Wie die
? Straßenbarrikade, wohne da nebenan, Und ich liebe mein Viertel,
man ich geh hier nicht weg, Juppies versuchen zu entern, wir
verteidigen das Deck, Du siehst Demos in Hood, du riechst Hero in
der Luft, Komm mal in der Seitengasse, man ich steh da mit mein‘
Jungs Machen Zasta, jetzt Platz da, Intensivtäter-Rasta,
Waffenverbot, du kriegst mit der Unterseite von meinem Astra
Plastersteine fliegen in die Bullenwagenscheibe, Komm mit, ich nehm
dich mit aus unsere Reise (also was
los?)

10 Antworten

  • @Piet:

    Hör einfach mal ein paar Lieder bei youtube durch, sie geben ja selbst die Antworten auf das, was Du Ring2 fragst und auch darauf, dass es wirklich keinen Sinn macht, hier von „Migranten“ zu sprechen Das sind keine „Einwanderer“, das ist Teil der Bevölkerung im Viertel. Umgekehrt können sie Dir vermutlich viel darüber erzählen, was rassistische Alltagserfahrungen sind, und so ein antirassistisches Credo ist ja nicht irgendein Abstraktum, zu dem man sich bekennt, sondern Kriterium für Kritik und Alltagshandeln. Und da erzählt „Mischlingskind“, in dem Fall eine Story aus Bahrenfeld, Dir eine ganze Menge, was hinsichtlich dieser Eckpfeiler des st. paulianischen Selbstverständnisses zu sagen ist, was dieses im Konkreten erhellt und worauf dieses sich bezieht.

    Es gibt ja dieses seltsame Phänomen des Kampfes gegen Homophobie ohne Schwule und des Antirassismus ohne Schwarze und „Kanacken“, kannst Du bei sehr vielen linken Institutionen begutachten, wo weiße, heterosexuelle Männer dieses Feld okkupieren, und das kann unser Weg ja nicht sein.

  • @ ring2:
    Dann wäre zu überlegen, worin ihre Wut denn besteht — und was ihre Situation (ich gehe mal davon aus, dass du die „Migranten“ meinst wie oben beschrieben) von der eines zugewanderten Russen oder eines schwarzen Südafrikaners unterscheidet. (Ich selbst bezeichne die Leute übrigens lieber als Einwanderer, ein — noch zumindest — integrierender Begriff, der keine Bevölkerungsgruppen segregiert.)

    Auch frage ich mich, warum man von den wütenden Kerls nicht erwarten kann, dass sie sich Wege eröffnen. Was unterscheidet ihre Möglichkeiten von denen anderer Unterprivilegierter, die sich Wege eröffnen? Oder: Warum trauen wir ihnen weniger zu? Ich hielte das für tendenziell rassistisch. Und als „Migrant“ würde ich mich dagegen verwehren!

    Wut alleine sehe ich übrigens nicht als Grund, jemandem den Weg ans Millerntor zu ebnen. Allerdings auch nicht, ihm diesen zu versperren. Der „Migrant“ (also wohl der Moslem von nebenan) ist für mich kein besserer oder schlechterer Fan als jeder andere auch. Und solange er sich den Grundwerten am Millerntor verpflichtet fühlt (Kampf gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und gegen Sexismus — und ergänzt um „gegen Klassismus“, danke @Momo), ist er mir so herzlich willkommen wie jede/r andere auch. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

    +@Momo:
    Insofern: ‚Offensiv St. Paulianer‘ herzlich gern! Und herzlich willkommen! Hoffen wir, dass sich die Situation am Millerntor irgendwann entspannt und dass es wieder DKs geben wird. Bis dahin, fürchte ich, haben ‚Offensiv St. Paulianer‘ das gleiche Problem wie jeder andere, der gern ins Stadion will, höhnisch verlacht von jenen, die das Stadion wg. kalter Füße Richtung Büffet verlassen: Knappes Karten-Kontingent halt. Aber wenn sie sich einbringen wollen (das tun auch andere ohne DK) und Ideen entwickeln — immer gerne!

  • @Piet:

    Doch, natürlich. Rassismus, Klassismus, Sexismus, Homophobie. Und hinsichtlich des „Intifada-Styles“ haste ja recht, auch mit dem Verweis auf die B5 – umgekehrt kann man ja vielleicht wirklich erst mal fragen, was sich dabei dachten, steckt ja nun nicht jeder so tief drin in dem Thema „Intifada“.

    Ansonsten ist das schon bemerkenswert, wenn Du Dich durch deren Songs klickst. Das ist eine Sicht auf’s Viertel, eine aktive Inbesitznahme, die „Migrant“ als Begriff gar nicht mehr erlaubt. Das ist ja deren Zuhause, das sie auf ihre Art beschreiben und trotz aller Hip Hop- und „Mein Block“-Klischees ziemlich eigen auch visuell umsetzen. Musikalisch ist auch einiges prima.

    Wenn die darüber singen, dass alle Portugiesen, Italiener, Türklen im Keis tanzen, dann meinen sie ja keine „Ausländer“, sondern eingeborene Communities, Binnenperspektiven auf St. Pauli.

    Die sind bei Hamburger Kids schwerst angesagt, sind offensiv St.Paulianer, so dass man sich eher fragt, wieso sie – anders als in den Jugendmannschaften – in den Verlautbarungsbildern keine Rolle spielen, die man so mit bekommt. Dabei sind in st. paulianischer Hinsicht wir welche von denen und die welche von uns.

  • P.S. Wie hoch ist der Anteil von H4lern am Millerntor? Sind das keine „Underdogs“ mehr? Oder sind es dann keine, wenn sie studiert haben? Prekär ? Underdog? Oder sind es dann keine, wenn sie sich trotz H4 noch ein Leben auf St. Pauli leisten können? Schwierige Fragen…

  • Intifada-Style ist weder links noch underdog, sondern bestenfalls! nachgeplappert-unreflektierte Terror-Verliebtheit, Attitüde, schlimmstenfalls mörderischer Antisemitismus! Soll der Einzug halten am antifaschistischen Millerntor, sind die Auseinandersetzungen um die B5-Kacke nur eine müde Ahnung dessen, was am Millerntor droht!

    Ansonsten stimmt es natürlich, St. Pauli altert, die 80er sind 30 Jahre vorbei. Am Millerntor genauso wie im Viertel. Und: Ja, wir haben am Millerntor auf absehbare Zeit ein Kapazitäts-Problem, neue Karten sind schwer zu kriegen. Einwanderer, die auch vor zehn, fünfzehn Jahren schon auf St. Pauli lebten, haben wie andere auch verpasst, sich rechtzeitig DKs zu kaufen (resp. sich für den Verein zu interessieren). Wie hoch der Ausländeranteil am Millerntor ist, weiß ich nicht. Gibt es Statistiken? (Mein Hinweis in einem bekannten Fußi-Forum, im Stadtteil sähe man viele Frauen mit Kopftuch, nicht aber im Stadion, wurde seinerzeit gelöscht. Mit dem Hinweis auf den hohen Ausländeranteil im Stadion, übrigens.)

    Ist St. Pauli (mit seinem hohen Frauenanteil am Millerntor) männlich, weiß? Mehrheitlich, sicher. Und mit mehr „Migranten“ (welche genau? Türkische? Arabische? Persische? Nordafrikanische? Also islamisches Einzugsgebiet, was man p.c. mit „Migrant“ umschreibt, denn weder der Engländer oder Däne, noch der Südafrikaner oder Australier ist gemeint, selbst wenn er farbig ist) wäre es nicht mehr männlich, weiß? Selbst, wenn man das Machoeske zu übersehen versucht? Also, rhetorische Frage: Natürlich wäre es auch weiterhin männlich, weiß. Möglicherweise dann mehr als zuvor.

    Womit zu klären wäre, was wir denn unter „Underdog“ verstehen (war der fcsp das überhaupt je? Oder ist das auch nur eine Zuschreibung wie das „Kultige“?) — und ob es wirklich genau das ist, was dem Verein denn fehlt.

    • „Intifada-Style ist weder links noch underdog, sondern bestenfalls nachgeplappert-unreflektierte Terror-Verliebtheit, Attitüde, schlimmstenfalls mörderischer Antisemitismus!“ – und normalerweise ist hier die Diskussion zuende!

      Darum geht es mir ja. Zu erkennen, dass wir uns „antirassistisch“ und sehr gemütlich aber mehrheitlich in der Dominanzgruppe der Gesellschaft bewegen (also Du und ich jetzt, das setze ich mal voraus) – da ist es schlicht unsere selbstverständliche Aufgabe hier Wege aufzuzeigen und das Millerntor zu öffnen – von den wütenden Jungs kann man das schlicht nicht erwarten – ohne in dieselbe Falle zu geraten, die Herren wie Sarrazin für sie aufstellen.

  • „Intifada-Style“ ist freilich nicht so ganz glücklich gewählt, würde ich mal bei ansonsten vollster Zustimmung kritisch anmerken … aber dazu sollte man sie vielleicht einfach mal befragen, wie sie das meinen.

    • Das ist ja das Problem, dass man „bei uns“ gleich an der „Wertekante“ diskutiert und sich (so mein Gefühl) auch allzugerne darüber nicht hinaus mit dieser Art von St. Pauli-Fanschaft auseinandersetzen will. Und ja, auseinandersetzen sollen sie sich auch mit dem Intifada Steil und der „Konsolen“-Argumentation – die kenne ich noch von den St. Pauli Champs (Die geben nur an mit ihrn Geld) aus den 1980er Jahren.

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