„Zweimal überlegen vor die Tür zu gehen“, Bericht aus dem Gefahrengebiet

Bericht unseres Gastbloggers Pat aus dem Gefahrengebiet Sankt Pauli:

Die letzten Wochen waren für mich emotional sehr anstrengend. – Und gleichzeitig erfüllen Sie mich mit Stolz. Anstrengend? Mit Stolz? Der Reihe nach.

Meinereiner, Baujahr 1976 – Bei zwei Frauen groß geworden erlebt gerade geballt Positives und Negatives. Aber der Reihe nach.

Von klein auf, wurden mir von meinen Müttern die Grundsätze der Demokratie beigebracht und vorgelebt. – Ja, selbst als Kleinkind, wurde mir beigebracht, dass meine Stimme etwas zählt. Ich kann mich noch schemenhaft daran erinnern, dass ich in diversen Kneipen auf dem Boden saß und mit anderen Kindern Tapeten mit Farbe bemalte. Spielerisch. Diese Tapeten, nahmen wir dann mit unseren Eltern mit in die Stadt und haben Handzettel verteilt. Gegen Pershing II Raketen und gegen Atomkraft. Mich hat das damals sehr beeindruckt und hat mir einen spielerischen Blick auf das Thema Politik und Einsatz vermittelt.

Das war dann auch der Grund, warum es dann, 1988, für mich das normalste der Welt war, gegen den Golfkrieg zu demonstrieren. Wir zogen als Schüler durch die Straßen und teilten dem Rest der Welt mit, was wir von Krieg und Gewalt hielten.

Man machte seine Entwicklung durch. Lebte sich als Teenager durch die Musikgenres (mal mehr mal weniger politisch) und man lebt nu sein Leben.

Dann gab es eine Phase, in der ich mich fragte: Was lassen wir uns eigentlich – politisch gesehen – alles gefallen? ’Wo ist die Demo-Kultur hin?’ Ich sah, dass das, was ich als Kind gerlernt hatte, irgendwie eingeschlafen war. Oft begehrte ich innerlich auf gegen politische Entscheidungen. Wollte demonstrieren, war wütend und machtlos zugleich – denn ich hatte gelernt, dass man etwas bewegen kann, wenn man seine Stimme erhebt – aber allein bei dem Gedanken etwas zu organisieren, fühlte ich mich überfordert.

Und dann fand ich in Hamburg eine Heimat. Eine Stadt, von der man aus der Ferne hörte sie sei unterkühlt. Emotionslos. Stur. Doch ich fand schnell das Gegenteil richtig. Ich fand eine liberale (lat. liber: „frei“; liberalis, „die Freiheit betreffend, freiheitlich“) Stadt vor. Frei im Denken und Handeln. In der Bevölkerung fand ich ein extrem soziales Engagement vor.

Ich landete direkt auf dem Kiez und würde mich heute, trotz meines Alters, als Kiezkind bezeichnen. Und das mit einem gewissen Stolz. Denn wir, die Nachbarn hier, sind füreinander da. Fangen uns auf und helfen uns gegenseitig. Hier kennt Freundschaft kein Alter, kein Gehalt, keinen Statusunterschied. Vom Maler, Lackierer, Seemann, Wirt, Werber, Doktor, Arbeitslosen. Über Konfessionen hinweg bilden wir eine Gemeinschaft, die für einander da ist und auch den Schwächeren hilft.

Für uns gehört der Flüchtling, der Alkoholiker, der Vereinsamte ebenso zu unserem Gebilde, wie die Menschen, die sich auf der anderen Seite, auf der „glücklicheren“ Seite des Lebens bewegen.

Und nu sollte man meinen, die Politik habe erkannt, welches Glück sie hat, so ein Völkchen zu regieren und es zu vertreten. Überall müsste man sich angesichts dieses sozialen Zusammenlebens freuen und stolz darauf sein, dieses fördern. Aber – kann man sich irren – eigentlich geht es am Ende in der Politik um Macht. Und diese Macht wird jenen präsentiert, die sie gewählt haben.

Das Gespühr dafür, dass es etwas Wert ist, dass wir uns von Schill befreit fühlen, fehlt gänzlich. Man hat als SPD damals die Wahl verloren, in puncto innere Sicherheit und das scheint in ihr nachzuwirken ohne zu sehen, dass sich die Welt erholt und entwickelt hat.

Klar, auch wir haben ein Sicherheitsbedpürfnis, aber dem Erhalt unserer Kultur gegenüber. Wir wollen weiter sozial handeln dürfen und brauchen hier die Unterstützung aus der Politik. Wir wollen weltoffen sein. Wir wollen, dass Hamburg den den Menschen gehört, die hier leben und nicht internationalen Investoren und bayrischen Interessen zugesprochen wird – denn dadurch, dass wir Hamburg versteigern und verkaufen, geht die Seele verloren. Die Seemänner und die Rentner, die Maler und Lackierer verschwinden aus dem Straßenbild. Menschen in Arbeitskleidung werden seltener und jene, die wir aufgefangen haben, werden verjagt von denen, die Kaufkraft besitzen und auf Ihr ’Recht’ auf ein „sauberes Viertel“ beharren. Optisch sauber, ja das werden wir in ein paar Jahren vielleicht sein. Moralisch stinkt der Müll aber bis zum Himmel.

Die letzten Wochen haben mir gezeigt: Wir werden von Menschen regiert, die anscheinend die Bedeutung der 3 Buchstaben im Namen ihrer Partei vergessen haben. Aber auch, dass genau diese 3 Buchstaben Grund für viele waren sie zu wählen.
Die letzten Wochen haben aber auch gezeigt, dass Bürgers Wille stärker ist, als politisches Machtgespiele.

Und ich bin stolz, schrieb ich am Anfang. Ja, ich bin stolz dass sich Hamburgs Bürger die Stimme nicht verbieten lassen. Die Stimme in einer Form erhoben wird, dass sich weit über die deutschen Grenzen hinaus Menschen mit uns (und nicht mit unserer Politik) solidarisieren.

Unser Protest ist laut. Denn unser Hamburg beherbergt Kultur und Subkultur – Wärme, soziales Verhalten. Wir, die so denken, wollen kein Zoo für Reiche werden und auch nicht der Showroom der Politik. Wir wollen unser Hamburg schützen und eine Gemeinschaft bilden, in der die Starken Seite an Seite mit den Schwachen als eine Gemeinschaft Leben. Und wer Hilfe braucht, soll sie bekommen.

Man muss sich verdeutlichen, dass das der Kern der Auseinandersetzung ist: Einerseits der Wunsch nach einem besseren Hamburg, in dem jeder seinen Platz hat und andererseits den Erhalt der Grundrechte, genau jenes durchzusetzen.

Und nun glaubt mir oder nicht. Das ist der Wunsch, den man immer wieder hört und findet, wenn man sich mit seinen Mitbewohnern in den Vierteln unterhält.

Und warum bis hier kein Wort von Gewalt und brennenden Autos und verletzten Cops? Ganz einfach. – Weil dieses Bild, was wir von unseren Vierteln haben, keinen Platz hat für diese Ausschreitungen. – Das ist weder der Wunsch noch wünschenswert.

Ja, kann man nun sagen, ’aber die Gewalt ist ja nun mal da.’ – stimmt, ist sie. Aber nicht ausgeführt von uns Menschen, die dort Leben, die das Bild prägen. Wir finden es genauso schlimm, wenn unsere Mülltonnen brennen – Autos von Nachbarn zerstört werden. Und zwischen Krawall und Verletzten ist dies zu einem bestimmten Anteil auch einer gewissen Hilflosigkeit zuzuordnen. – Hilflosigkeit bringt Dinge hervor, die niemandem gut tun. Macht es nicht besser – auf gar keinen Fall. – Aber wir die Bewohner stehen den durch die Politik provozierten Auseinandersetzungen hilflos gegenüber und werden obendrein noch in eine Art Sippenhaft genommen.

Das, was ich in meiner Kindheit gelernt habe, verschwimmt. Man möchte nach seinen Eltern rufen, fragen was man falsch gemacht hat und wie man es besser machen kann. Ich habe gelernt, dass wenn ich mich für gute Sachen einsetze, auch Gutes bei rumkommt.

Doch die letzten Tage habe ich in meiner Wohnung auf dem Kiez gesessen. Habe mir immer 2 x überlegt: gehe ich nun raus? Werde ich kontrolliert? Was passiert tatsächlich mit den Daten, wenn ich Kontrolliert wurde? Ich möchte selber bestimmen, mit wie viel Leuten ich mich vor meiner Haustür bewege. – Ich möchte nicht aus der Kneipe schauen und im Minutentakt Polzeiwagen mit gepanzerten Cops an mir vorbei fahren sehen. Gemustert werden.

Ich möchte nicht an der Haltestelle stehen, hinter einem Polzeiwagen und hoffen, dass mich der Bus dahinter wahrnimmt. –
Noch zu deutlich ist die Erinnerung an die Erfahrung, die ich machte als ich vor einigen Wochen alleine unterwegs war, als für Lampedusa demonstriert wurde. Ich ging alleine durch die Mönkebergstraße. Auf einmal hielten zwei Polzeiwagen an. Behelmte Polizisten sprangen raus. Sie schubsten mich und einige andere Passanten solange vor sich her, bis wir vor einem Schaufenster zum stehen kamen. Einige kannten sich, die meisten aber nicht. Als wir dann eine angemessene Gruppe waren (ich meine 15 Personen) wurden unsere Personalien aufgenommen. Dann hieß es, wir verstießen gegen das Versammlungsgesetz, obwohl diese ’Versammlung’ von den Cops herbei geführt wurde, und bekamen einen Platzverweis. Machtlos zogen wir in unterschiedliche Richtungen.

Ein unangenehmes Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgesetzseins machte sich breit. Und dieses Gefühl bleibt. Man hat noch Tage danach einen schalen Beigeschmack.

Genau dieses Gefühl kommt jedes Mal hoch, wenn ich durch das Gefahrengebiet ziehe. Und dass, obwohl man sich für Menschen einsetzen will, die so einer Staatsmacht viel schlimmer ausgesetzt sind und die viel weniger haben oder die aus Ihrem Umfeld getrieben werden sollen.

Aber es hat auch etwas Gutes: Dieses Gefühl der Machlosigkeit und des Ausgesetzt-sein schafft und stärkt eine emphatische Wahrnehmung jenen Gegenüber, für die demonstriert wird. Und sprechen unsere lokalen Politiker jenen, die sie gewählt haben, noch so oft politisches Verständnis ab, so nehme ich wohlwollend war, dass um mich herum eine Menge passiert.

Es wird nicht mehr alles geglaubt, was in den Medien steht. Man hört auf jene, die Erlebtes zu berichten haben und nicht auf jene, die verhaften oder anordnen. Im letzten Jahr haben auch die höheren Schichten mitbekommen, wie es ist Polzeiwillkür ausgesetzt zu sein (z. B. Osterfeuer an der Elbe). Die breite Masse hat gelernt, differenzierter mit den Medien umzugehen. Das war lange schon nicht mehr der Fall.

Und gestern, nach Aufhebung der Gefahrengebiete, waren Sie wieder da. Ich kam von der Arbeit. Bin mit der Rolltreppe hoch zur Reeperbahn. Und da wurde wieder demonstriert. Für Lampedusa, gegen den Ausverkauf Hamburgs und für die Flora. Und das macht mich stolz. – Denn, lieber Senat, lieber Bürgermeister, für uns hier geht es nicht um eine Legislaturperiode, um Politischen Erfolg. Für uns geht es um unser Leben und das lassen wir uns nicht nehmen

Ich wurde gefragt, ob ich nicht etwas schreiben möchte, wie es ist im Gefahrengebiet gelebt zu haben. Meine Antwort: Einerseits einschüchternd, unbehaglich, nervig. Andererseits war es vielleicht DIE Notwenigkeit, die wir gebraucht haben, damit ein viel größerer Teil sich mit dem Umgang der Medien auseinander setzt – sich ein Bewusstsein schafft, dass nicht alles, was in der Presse steht und was sogenannte Vertrauenspersonen sagen, auch wirklich der Wahrheit entspricht. Und ich bin stolz auf die Hamburger, die der Stadt eine Stimme verleihen. Und Stolz auf meine Muttis, die mich schon sehr früh auf den richtigen Weg geschickt haben.

Danke Hamburg, danke Muddis

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung leicht redigiert.

Kommentare 1

  • Paddy, großartig! Freue mich auf das nächste Bier mit Dir und unser Wiedersehen am Samstag, 18.1.2014. Herzlich, Freimut